|
|
||
Tu felix Austria, Amadeus mach Musik!
Österreich: Am intellektuellen Kahlschlag durch den Naziterror leidet das Land bis heute. Im Nachkriegsösterreich finden Diskurskultur oder mediale Vielfalt schlicht nicht statt, mit der Kronen Zeitung implantiert sich u?berdies eine mediale Geißel, die immer noch ungeheuren Einfluss ausübt.
Die identitätsstiftende Lüge von "Hitlers erstem Opfer" zimmert einen harmoniesüchtigen Operettenstaat zusammen, die aufgerissenen gesellschaftlichen Gräben werden hastig und oberfl ächlich zugeschüttet. Ein Begriff wie "Transparenz" bleibt Fremdwort. Dazu wird beinhart verinnerlichte Xenophobie liebgewonnene Tradition, die man zwar – nicht nur in der Weltstadt Wien – gerne negieren möchte, die aber längst strukturellen Charakter hat.
Gesungene Tourismuswerbung
Unterleibsrabiate Rock ’n’ Roller und weltsehnsu?chtiges rockiges Aufbegehren passen nicht ins Bild, bleiben Randerscheinungen. Dennoch gibt es in den 60er- und 70er-Jahren erste lokale, hier gespielte Soundtracks zu etwas anderen Lebensentwürfen. Aus diesen weitgehend epigonalen Kombos – Nachspielen ist das Gebot der Stunde – speist sich später der Musikerstamm des Austro-Pop. Dieser regiert in den 70ern mit den Speerspitzen Wolfgang Ambros und Georg Danzer
die nationalen Charts und fi ndet auch in Deutschland Beachtung. Gesungen wird meist im (Wiener) Dialekt oder einem gefärbten Hochdeutsch. Die Krux des Austro - Pop (neben seinem dem Jazz- Rock-Diktat in Ton-Studios geschuldeten Sound) manifestiert sich in Erfolgen wie "Schifoan" (Ambros, 1976) – mit gesungener Tourismuswerbung.
Oder in "Fürstenfeld" der steirischen STS: "I wü wieder ham / Fühl mi da so alan / I brauch ka große Welt / I wu? ham nach Fürstenfeld." Die ewige Sehnsucht nach der Provinz. Es ist ein Pop der kleinen, nicht der großen Welt. Er schielt nicht nach der glänzenden Discokugel als Symbol hedonistischer Ausschweifung. Beleuchtet wird er von den matten Glu?hbirnen im "kleinen Beisl von nebenan", das schon Peter Alexander besungen hat. Dort, wo der kleine Rausch die Menschen am Flaschenboden der Tatsachen gleich macht.
Bands formieren sich, die mit Musikkabarett große Erfolge feiern: Glänzt etwa die steirische EAV (Erste Allgemeine Verunsicherung) anfangs mit inhaltlicher Schärfe, verfällt sie mit dem Ankommen im Mainstream dem überlustigen Klamauk. Sänger Klaus Eberhartinger spielt heute in Musicals und Operetten oder moderiert im ersten Fernsehprogramm des Leitmediums ORF "Die Great Hadern Show", ein TV-Programm, das zeigt, wie daneben und eng sich hierzulande mehrheitsfähige Musikrezeption darstellt.
Ein österreichisches Schicksal, das Stefan Weber, Sänger und Vorstand der zwischen Punk, Aktionismus und Musikkabarett pendelnden Band Drahdiwaberl, erspart bleibt. Aus den Reihen dieser Band sollte eine der wenigen Pop - Ausnahmeerscheinungen des Landes kommen …
Erst mit dieser Erscheinung – Falco natu?rlich – taucht in den 80ern endlich ein Pop-Star auf, der mehr mit David Bowie als mit dörflicher Blasmusik zu tun hat. Auftritt Punk und "neue österreichische Welle", die mit Bands wie Blu?mchen Blau, Minisex oder Chuzpe kuriose Hits zeitigen.
Letztere erhalten mit einem Cover von "Love Will Tear Us Apart" sogar Ö3-Airplay und werden so von Menschen gehört, denen Joy Division unbekannt bleiben. Wo der Austro-Pop als Reibebaum gut ist, eignen sich diese Entwu?rfe als Referenzen einer "anderen" österreichischen Musik. Bands wie die Linzer Willi Warma, von denen letztes Jahr eine Werksammlung erschienen ist, zeigen, dass sich dieser Aufbruch nicht auf den Wasserkopf Wien beschränkt.
Austro-Pop ist ein Pop der kleinen, nicht der großen Welt. Er schielt nicht nach der glänzenden Discokugel als Symbol hedonistischer Ausschweifung. Beleuchtet wird er von den matten Glu?hbirnen im kleinen Beisl von nebenan.
Ab Mitte der 80er findet ku?nstlerisch interessante Musik kaum mehr in Mainstream-Medien statt, als akustisches Fenster zur Welt bleibt nur die einstu?ndige, legendäre Sendung "Musicbox" im Staatsfunk Ö3. Auch kamen die wichtigsten Impulse nicht mehr aus Wien, Städte wie Graz, Innsbruck (H. P. Zinker) oder Linz (Ende der 80er das "Hardcorehausen" Österreichs) liefern spannendere Musik.
Der Aufbruch "freier" Szenen in den 90ern schafft Grundlagen, etwa die fu?r das bis heute wichtige Wiener Flex, parallel ereignet sich ein Wiener Elektronik- und Downbeat Wunder, dem es gelingt, u?ber die Pop-Journaille hinaus die Verbindung von Elektronik und Wien festzuschreiben. Hip-Hop zeigt auf mit Acts wie
Schönheitsfe(h)ler oder Texta, die heuer ihren 16. Geburtstag gefeiert haben und deren ungebrochene Kreativität sich in tollen Solo-Arbeiten wie der von Skero niederschlägt.
Hin zur breiteren Wahrnehmung
Im Jahr 2009 erweist sich die Musiklandschaft als dichtbesiedelt, im (fast) grundsätzlichen Neben-Neben-Neben-Neben-Erwerbsstatus entsteht Spannendes, u?ber das Erreichen von Mainstream-Bedeutung wird gar nicht mehr oder nur bedingt nachgedacht. Ausnahmen wie Herbstrock bestätigen die Regel. Die tatsächlichen u?berregionalen "Stars" sind Medien wie Radio FM4 oder das Musikfernsehen GoTV.
Die Ausnahmeerscheinung Attwenger verbindet inhaltliche Relevanz mit innovativer Musik und arbeitet mit Wolfgang Schlögl (Sofa Surfers, I-Wolf) an einem neuen Album. Ein Singer/Songwriter-Boom füllt Konzertbühnen und Tonträgerangebot. Clara Luzia, Son Of The Velvet Rat, Ernst Molden oder Mika Vember gelingt es mit ihrer zugänglichen Musik, beständig in Richtung einer breiteren Publikumswahrnehmung vorzudringen. Eine umtriebige Do-It-Yourself-Szene um Labels wie Siluh, Fettkakao oder Seayou lässt hiesige Musik mannigfaltig bleiben, der Label-Roster von Wohnzimmer mit Bands wie Fuzzman, Kreisky oder Velojet ist erstklassig, Ink Music glänzt mit Ja, Panik oder den Newcomern Bilderbuch.
Die breitere Öffnung hin zu Weltmusik-Styles scheint im Durch- und Zuzugsland Österreich eine Frage der Zeit, wobei Bands wie !Dela Dap, Nifty’s oder Fatima Spar And The Freedom Fries schon jetzt mit die spannendste Musik im Land machen. Kurzum: Es gibt definitiv eine Menge aufregende, gute Musik in Österreich.