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Triebwerke des Systems
Seit einigen Jahren haftet vielen Musikpreis-Galas eine morbide Komik an: Es kann schmerzhaft sein mitanzusehen, wie die von Umsatzeinbrüchen geplagte Musikindustrie sich in einer unbeholfenen Pirouette kurzfristig vom Modus des Dauerjammerns auf Jubel umstellt. Preis - Galas sind ein Erbe aus der großen Erfolgszeit des Showbusiness, und die Tatsache, dass viele Award-Rituale noch immer nach dem gleichen Muster ablaufen, hat wohl auch mit einer nostalgischen Sehnsucht nach jener Zeit zu tun, in der Plattenbosse und Superstars die Welt
beherrschten.
Nirgendwo lässt sich dieses Traditionsbewusstsein besser verfolgen als beim Grammy, der seit 1959 analog zum Oscar von einer aus Mitgliedern des US-amerikanischen Musik-Establishment gebildeten "Academy" vergeben wird. Oft musste sich die Academy ihre konservative Haltung und Trend-Blindheit vorhalten lassen: Rock ’n’ Roll wurde in den Anfangsjahren weitgehend ignoriert (Elvis Presley bekam erst 1967 seinen ersten Grammy – in der Kategorie "Gospel"), die Beatles gingen mit Meisterwerken wie "Rubber Soul" leer aus.
Die Grammys blieben dennoch lange eine Leitwährung für angesagten Pop – wegen ihrer Konzentration auf den US-Markt fanden sich andere Pop-Nationen aber immer wieder schlecht repräsentiert. Die Academy versuchte, der Ausdifferenzierung der Musikwelt durch neue Kategorien Rechnung zu tragen, dennoch blieben die Auswirkungen auf Verkäufe gerade außerhalb der USA oft beschränkt. Um die Energie von Preisverleihungen auch für Prestige und Selbstbewusstsein einzelner Musikmarkt - Territorien zu nutzen, brauchte es neue Formen.
In Großbritannien rief der Verband der Tonträgerindustrie (British Phonographic
Industry) 1977 die BPI Awards ins Leben. 1989 wurden die Preise in BRIT Awards umbenannt (nach British Record Industry Trust). Die Kritik, dass die Auszeichnungen lediglich dazu dienten, die Zugpferde der Plattenindustrie ins rechte Licht zu rücken, begleitete den Preis von Beginn an. Als Gegenveranstaltung wurde 1992 der Mercury Music Prize etabliert, der seine Entscheidungen auf ein honoriges Experten-Panel stützt und entscheidend half, Acts wie Franz Ferdinand oder die Arctic Monkeys im öffentlichen Bewusstsein zu verankern.
Kuss-Szenen und Streitigkeiten
Auch Musikmedien erkannten, dass sie mit Preisverleihungen die eigene Definitionsmacht fördern konnten. Gerade die MTV Video Music Awards (VMAs) lieferten seit 1984 auch immer wieder den Content, den der Sender brauchte: Mit Madonnas Kuss-Szene mit Britney Spears und öffentlichen Streitigkeiten (etwa zwischen Moby und Eminem) wurden sie zu Triebwerken im selbstbezu?glichen Mediensystem des Pop.
Musikzeitschriften fehlte oft die Video-Plattform, als szenebildende Rituale waren die Awards aber u?beraus wichtig: Was die Preise der Zeitschrift Q fu?r den Brit-Pop taten, gelang den Vibe Awards für den US-Hip-Hop. Und natu?rlich gibt es noch den Bambi, den Preis des deutschen Jugendblatts Bravo. Mit dem Echo in Deutschland (seit 1992) und dem Amadeus in Österreich (seit 2000) versuchten regionale Branchenverbände, den Glamour-Faktor ihrer Märkte zu erhöhen – mit eingefl ogenen Hitparaden-Stars mussten sie sich aber oft den Vorwurf gefallen lassen, müde Grammy-Abklatsche zu sein.
Ein gestärktes Bewusstsein für die regionalen Szenen führte zu einem Umdenken: Mit dem neuen Voting-System des Amadeus, das statt der automatischen Prämierung der meistverkauften Acts eine Nominierung durch Experten vorsieht, und der Beschränkung auf heimische Acts ist in Österreich unübersehbar das Zeitalter der Awards 2.0 angebrochen. In der Welt der schwerfälligen Award-Shows ist dieses Procedere durchaus neu – und es könnte Nachahmer finden.