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Ein zartes Pflänzchen
Der Biografie des 1967 in Wien geborenen Hannes Eder mangelt es nicht an Stationen. Einer breiteren Öffentlichkeit erst seit seiner Jurorentätigkeit beim ORF - Wettsingen "Starmania" bekannt, spielte er bereits in den 80er-Jahren in der Punk/Indie - Band The Bates, die später karrieretechnisch von ihren deutschen Namensvettern überflügelt werden sollte. Zum Leben reichte das – wie bei so vielen heimischen Musikern damals und heute – nicht wirklich, also zog es Eder zum Radio.
Er arbeitete sowohl für Ö3, mit dem er zur Zeit heftig um eine Airplay - Quote für österreichische Musik rangelt, als auch für FM4. Nach einem Abstecher in die Werbebranche steht er seit 2003 Universal Music Austria vor. Zusätzlich baute er die Firmen - Performance in den sogenannten "Western Balkans" (Bosnien - Herzegowina, Kroatien, Serbien, Slowenien, Mazedonien und Montenegro) auf. Damit nicht genug, wurde der Familienvater nach seiner ersten Wahl 2007 heuer als Präsident der IFPI Austria bestätigt. Er hat dieses Ehrenamt somit zwei weitere Jahre inne. Im Verband der heimischen Musikwirtschaft sind außer den Majors (EMI, Sony, Universal und Warner) 13 andere Firmen vertreten.
Eine der sichtbarsten Aktivitäten der IFPI Austria ist der Musikpreis Amadeus, der heuer zu seiner zehnten Verleihung organisatorisch und programmatisch umgekrempelt wurde.
Wieviel von deiner Arbeitszeit fließt in die IFPI? Gibt es gelegentlich Interessenskonfikte oder besondere Synergie - Effekte?
So einen Job kann man, weil er ehrenamtlich ist, so oder so anlegen. Ich mache so etwas nur, wenn ich glaube, dass man etwas verändern müsste und dass ich nicht die ganz falsche Person bin, um das voranzutreiben. Insofern ist das natürlich dauerpräsent. Als Chef einer Plattenfirma ist man von den Rahmenbedingungen des Musikmarktes zumindest indirekt betroffen. Man darf die Auswirkungen verdauen – oder genießen. Es gibt da also ein veritables Co - Interesse.
Neben einer Image - Kampagne stellt sich der Amdeus als eine von der IFPI nach außen getragene "Hauptbaustelle" dar.
Das ist die im ersten Schritt sichtbare Arbeit, hinzu kommen Lobbying-Themen: Es gibt Inititativen wie "S.O.S. Musikland", den Versuch, gemeinsam mit dem Ministerium ein Standortsicherungsgesetz für österreichische Musik zu implementieren. Wir haben in Alpbach bei den Medientagen eine Sonderveranstaltung zum Thema "Schutz des geistigen Eigentums". Es findet also viel im positiven Lobbying - Segment statt, um eine Infrastruktur, die das Überleben von lokalen Musikschaffenden ermöglichen kann, zu erretten oder in Österreich eigentlich (wieder) herzustellen.
Kurioserweise stellt sich der Amadeus bei den Nominierten heuer
so dar, als würde er ein Schaufenster vor allem für Nicht - Mainstream - Acts werden, während den Majors die Dominanz in den weniger "hippen" Bereichen bleibt.
An Köpfen ist die IFPI Austria ja bereits stärker ein Vertreter der Indie - Firmen. Das spiegelt aber nicht den Marktanteil wider. Als reine Vertretung von Majors macht die IFPI keinen Sinn. Gerade weil in Wahrheit das Musikschaffen in diesem Land – und das wird der Amadeus heuer ganz deutlich zeigen – nur mehr zu einem Bruchteil von dem bestimmt wird, was bei Major - Firmen stattfindet.
Weil Kreisky oder Soap & Skin bei Majors nicht funktionieren können?
Das ist eine Frage, die sich Majors seit Langem stellen. Einige haben sie mit "Nein" beantwortet und andere haben wenigstens für bestimmte Acts den Versuch unternommen. Was aber nicht heißt, dass vieles, was bei Indies passiert, nicht bei Majors, die noch A&R - Arbeit betreiben, auf dem Schirm gewesen wäre. Wobei ich überzeugt bin, dass etwa Soap & Skin so besser funktioniert, als wäre sie bei uns unter Vertrag.
Aus TBA - Blickwinkel muten Volksmusik und Schlager bei den Amadeus Awards etwas verloren an, obwohl diese Genres für sich kommerziell natürlich funktionieren …
Wenn man den Hintern aus Wien hinausbewegt, bekommt man da eine andere Perspektive. So war ich etwa letztes Jahr selbst bei einem Nockalm - Quintett - Fest am Millstätter See. Dort gewinnt der Popmusik - Auskenner aus der Hauptstadt die Erkenntnis, dass für junge Menschen, die er ihrem optischen Erscheinungsbild nach nie damit assoziieren würde, diese Musik sehr wohl eine Rolle spielt. Im Musikkonsum sind bei vielen Menschen Dinge vereinbar, die einem Musikkritiker oder – produzenten so nicht als Möglichkeit erscheinen.
Kann der Amadeus denn die Wahrnehmung von Musik beeinflussen?
Vor allem dank seiner inhaltlichen Neuausrichtung. Bis jetzt waren die Verkaufszahlen auschlaggebend, eine Fachjury hat aus einem überschaubaren Pool die Sieger gewählt. Das ist mit der heurigen Gerne - Vielfalt ganz anders. Der Amadeus soll Wirklichkeiten widerspiegeln: Wer spielt denn Konzerte? Wer hat die höhere Besucherrate auf seiner MySpace - Seite? Leider ohne Verkäufe im klassischen Sales - Bereich, aber … Der Amadeus wird heuer ein akurateres Abbild des Musikschaffens in Österreich sein und kann diesem eine Auslage bieten.
Die Häme liegt nahe, dass die Verkaufszahlen generell so niedrig sind, dass man jetzt auf eine Mischform aus Fachpreis und elektronischem Publikumsvotum setzt. Wäre es nicht wichtiger, die wirtschaftlich niedrige Decke als kulturpolitisches Thema hochzuziehen?
Wenn man von der Politik spricht, hat das mit der Debatte "S.O.S. Musikland" begonnen – aber das sind zarte Pflänzchen. Was auch damit zu tun hat, dass wir als Lobby nicht wirklich unangenehm werden können – im Vergleich etwa zu den vereinten heimischen Wirten. Österreich vermarktet sich wie kaum ein anderes Land international als Kulturnation. Doch das beruft sich auf etwas, dass viele hundert Jahre her ist.
Wie vernehmbar kann ein Amadeus ohne ORF - Fernsehen sein?
Die Entscheidung, sich hinkünftig nicht von einer Fernsehgala und einem exklusiven TV - Partner abhängig zu machen, war grundrichtig. Es werden alle Medien gleichbehandelt. Die Show, die heuer auch ganz anders ausschauen wird, wird aufgezeichnet. Den Medien wird ein sendefähiges Band zur Verfügung gestellt.
Eine Strategie gegen die Definitionsmacht mancher Medien?
Es gibt so gut wie keinen Act, der mit derselben Nummer auf FM4 und auf Ö3 gespielt wird, was in jedem anderen Land normal wäre. Warum muss etwa Clara Luzia FM4 - Musik sein? Ist das Alternative Pop? Überall anders würde das als Pop wahrgenommen werden. Es wird spannend zu sehen, wie sehr die Major-Medien die Sieger mittragen können.
Und warum die Neuausrichtung als rein österreichischer Award?
Wie sinnvoll ist es, wenn Britney Spears mit Madonna um einen Preis rittert, der beide nicht interessiert? Was wir heuer machen, ist ein Auftakt. Es soll mehr sein als eine jährliche Party. Langfristiger Plan ist es, ein kleines Festival daraus werden zu lassen, Teile genrespezifisch in Sub-Events auszulagern, wo wieder internationale Künstler als Gäste auftauchen können. Und dann der Amadeus als Abschluss.
Bild: Ingo Pertramer