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Once Upon a Time in New Jersey
Der Schein trügt. Zwei Ehepaare in den besten Jahren verbringen gemeinsam ein Spätsommerwochenende in einem Häuschen am See nahe der kanadischen Grenze. Man sitzt in der Sonne, unterhält sich über die Kinder und räsoniert übers Älterwerden. Ein wenig Melancholie macht sich passend zum ausgehenden Sommer breit, was sich aber seitens der Männer mit ein bisschen Herumgeballere im Wald und einer rasanten Motorbootfahrt leicht kompensieren lässt – zwei wohlhabende Durchschnittsamerikaner, die ein wenig die Sau rauslassen. Mit dem feinen Unterschied aber, dass es sich dabei um Tony Soprano, seines Zeichens Mafiaboss aus New Jersey, und dessen Schwager Bobby Bacala handelt. Neben Sorgen mit den Kindern und Differenzen mit der Ehefrau sitzt „T“, wie der Boss von seinen Freunden genannt wird, nicht nur die Polizei von Essex County wegen eines Waffenbesitz-Vergehens im Nacken, auch das FBI hat es wegen weit schwerwiegenderer Delikte auf ihn abgesehen.
Zurück in New Jersey machen neben den Bundesbehörden auch Geschäftspartner und Mitglieder der eigenen „Familie“ Probleme. Der Boss der New Yorker Mafia, Johnny Sack, ist todkrank, und sein Nachfolger in spe ist nicht gerade jemand, mit dem es sich leicht arrangieren lässt.
Was 1999 damit begann, dass ein führendes Mitglied der Mafia einen Psychiater aufsuchte um sich wegen seiner Panikattacken behandeln zu lassen, entwickelte sich in Amerika zu einer der erfolgreichsten TV-Serien überhaupt. Der „The Sopranos“ produzierende Kabel-TV Sender HBO, der schon Ende der 90er-Jahre mit „Sex and the City“ reüssieren konnte, wurde damit, und in Folge mit Serien wie „Six Feet Under“, zum Garanten für anspruchsvolle TV-Unterhaltung. Im Juni dieses Jahres flimmerte auf HBO nach acht Jahren und sechs Staffeln die letzte, heiß erwartete 86. Folge der mehrfach ausgezeichneten Mafia-Saga über die Bildschirme.
Die Serie steht einerseits in der Tradition großer Mafia-Filme wie Coppolas „Godfather“-Trilogie oder Scorseses „Goodfellas“, auf die auch immer wieder Bezug genommen wird. Andererseits wird das Genre des Mafia-Films, das in den 70er-Jahren mit dem New Hollywood Cinema seine Höhepunkte erlebte, um Elemente aus Drama, Komödie und Soap erweitert. Der Alltag hält Einzug, denn auch ein Mafiaboss hat Familie, die mitunter ganz schön anstrengend sein kann. Privater und beruflicher Stress nagen an der Substanz. Depressionen und Panikattacken sind die Folge. „The Sopranos“ handelt auch von den Auswirkungen der modernen Leistungsgesellschaft auf den Einzelnen. Ein Spitzenmanager und Familienvater leidet am Burn-out-Syndrom.
Auf die genreübliche Action wird weniger Wert gelegt als auf eine genaue und subtile Charakterzeichnung. Die Protagonisten sind zwar serienuntypisch großteils Verbrecher, nichtsdestotrotz sind sie die Sympathieträger. Niemand ist hier nur gut oder nur böse. Der aufbrausende, brutale Killer ist gleichzeitig ein liebender Familienvater, und selbst ein Soziopath wie Paulie Gualtieri kann durch seine Schrullen oder die liebevolle Art und Weise, wie er sich um seine Mutter kümmert, Sympathiewerte verbuchen. Die Handlung erweist sich auch im großen Finale der Serie wieder als extrem unberechenbar. Entsprechend der Branche ist niemand davor gefeit, im nächsten Moment abtreten zu müssen. Wen es diesmal trifft, soll an dieser Stelle aber nicht verraten werden.
Dass die Serie zu einem Ende kommt, ist einerseits konsequent – merkte man der einen oder anderen Episode der letzten Staffeln doch den Lückenfüller an – andererseits auch sehr bedauernswert, verliert man nun doch nach den Fishers aus „Six Feet Under“ mit den „Sopranos“ die zweite liebgewonnene TV-Ersatzfamilie.