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„Inglourious Basterds“: Dreckige Hunde auf Nazi-Skalpjagd
Waren Sie vor ihrer Rolle in „Inglourious Basterds“ mit den Filmen von Quentin Tarantino vertraut?
Christoph Waltz: Ich habe sie alle gesehen. Das wäre ja geradezu ignorant, wenn man im Jahre 2009 an Tarantino vorbeigegangen wäre.
Wie war Ihre erste Begegnung mit Tarantino?
Christoph Waltz: Sehr entspannt, sehr höflich. Ich bin ja höflich, er ist höflich - sehr angenehm.
Und wie war das beim Casting?
Christoph Waltz: Das war denkbar unspektakulär. Wir haben geplaudert. Lawrence Bender, der Produzent, war auch da. Der war auch sehr höflich. Wir waren drei erwachsene Herren, die sich einem Projekt konversationell angenähert haben. Es war wunderbar entspannt, was sicher nicht mein Verdienst war. Tarantino ist wirklich ein Wegbereiter. Der schaufelt den Mist aus dem Weg und sagt: „Schau, da lässt es sich leicht spazieren.“ Da wäre man ja blöd, wenn man lieber über den Müll kraxelt. So war das auch beim Casting. Es lief wunderbar. Ich bin dann raus gegangen und habe zu der Casting-Dame in Berlin gesagt: „Wenn es das war, war es das schon zu hundert Prozent wert.“ Dann haben sie mich eine Woche später nochmals eingeladen, um noch etwas genauer zu schauen, wie man arbeiten könnte. Ich bin da wieder raus gekommen und habe gesagt: „Fantastisch. Wenn es das war: herrlich.“ Es war gut. Und so ging das weiter. Es war immer gut wie es war. Ich konnte die Sache jederzeit so belassen wie sie war. Ich musste sie nicht weiter treiben, weil sie war gut. Und das ist immer noch so.
Ging es am Set auch so höflich zu?
Christoph Waltz: Tarantino wird gerne als ein durchgeknalltes, wahnsinniges, exzentrisches Enfant terrible verkauft. Das mag schon sein, dass er so ist, aber ich habe ihn als einen ganz sorgfältigen, gründlichen Arbeiter mit unglaublicher Feinheit in der Beobachtung und im Umgang erlebt.
Wie ist es eigentlich mit Christoph Waltz zusammenzuarbeiten?
Christoph Waltz: Ich glaube, wenn es gut läuft, ist es sehr angenehm, mit mir zu arbeiten. Es läuft aber nicht immer automatisch so gut. Dann wird es glaube ich, ein bissl schwieriger, weil ich nicht locker lassen will. Und wenn dann einer sagt: „Ja, das war doch jetzt gut genug“, dann sage ich: „Gerne, vielleicht für dich, aber für mich nicht. Ich will das noch und das noch.“ Das ist bei einem Kaliber wie Tarantino eine große Erleichterung, weil der ist mir diesbezüglich auch noch zehn Schritte voraus. Das heißt, wenn ich eigentlich schon gefährlich nahe an etwas komme, wo ich sage: „Ja das scheint zu laufen“, kommt er und sagt: „Dreh das mal alles um. Alles!“
„Inglourious Basterds“ ist ein Film, der stark von Sprachdifferenzen lebt und angetrieben wird. Wie kann man sich das beim Dreh vorstellen, wenn so viele Darsteller aus verschiedenen Ländern in so vielen unterschiedlichen Sprachen sprechen. Für Sie war das wahrscheinlich kein Problem, weil Sie in mehreren Sprachen firm sind?
Christoph Waltz: Ich bin ja nicht der einzige, der mehrere Sprachen spricht. Natürlich sind auch viele Amerikaner dabei, die da noch nicht so ganz auf der Höhe sind, weil sie es bislang noch nicht gebraucht haben. Das wird sich ja in nächster Zukunft auch ändern. Die USA selbst sind ja mittlerweile richtig zweisprachig geworden. Ansonsten hat schon jeder immer die richtige Sprache gefunden, in der er mit jemand anderen sprechen konnte.
Können Sie sich eine Sychronfassung des Films vorstellen?
Christoph Waltz: Ich hab es ja selber gemacht - in Deutsch und Französisch. Aber ich kann es mir immer noch nicht vorstellen, ich finde es grauslich. Andererseits muss man auch dafür sorgen, wenn man 80 Millionen für einen Film ausgibt, dass das Geld wieder rein kommt, weil ansonsten wird es solche Filme nicht mehr geben. Insofern ist es im Interesse der Sache und auch der eigenen Zukunft, dass man sich den anderen verständlich macht. Wenn die Synchronisation wirklich das einzige Mittel sein sollte, dann, fürchte ich, führt kein Weg daran vorbei. Es werden in diesem Fall aber genügend andere Möglichkeiten angeboten. Es werden immer Originalfassungen und untertitelte Fassungen laufen. Und dann wird es auch noch die synchronisierte Fassung geben. Es werden dem Zuschauer doch sehr viel mehr Möglichkeiten gegeben, den ursprünglichen Charakter des Films gewahrt zu sehen.
Es gibt ja schon viele Filme über den Nationalsozialismus. Haben Sie sich nach dem Lesen des Drehbuchs oder während des Drehs gefragt, wie weit man da gehen darf? Wie weit kann sich eine Generation von der Last der Vergangenheit lösen?
Christoph Waltz: Von der Last lösen: gar nicht. Der Film ist auch nicht von der Last gelöst, aber er findet einen anderen Ansatz, keinen unerfüllbaren Ansatz unter behaupteter Geschichtsschreibung. Was ich an den anderen Filmen ablehne, ist, dass sie behaupten, eine Form von Geschichtsschreibung zu betreiben. Das finde ich lachhaft. Sie bedienen sich des Bewusstseins des Zuschauers über dieses Thema - egal wie das geartet ist - um das jetzt so als dekorativen Hintergrund für ihre Abenteuergeschichten zu verwenden und können immer sagen: „Nein, das ist nicht nur eine Abenteuergeschichte, das ist wirklich.“ Aber es ist eine Abenteuergeschichte, aus dem einfachen Grund, weil es ein Film ist. Das ist Fiktion. Dieser Film behauptet nie Geschichtsschreibung im historischen Sinn. Das ist eine Geschichte, die Quentin Tarantino erzählt und die ist, was die Auseinandersetzung mit dem Thema betrifft, ungleich inspirierender als die ewige Bestätigung der Tatsache, dass wir mit unserem vorgefassten Urteil ja eh auf der richtigen Seite stehen und uns eigentlich nicht weiter mit dem Thema zu befassen bräuchten.
Glauben Sie, dass das jetzt schon ihre Lebensrolle war oder was kann da noch kommen?
Christoph Waltz: Die Frage stelle ich mir auch, deswegen kann ich sie nicht beantworten. Ich denke mir schon manchmal, das könnte schon sein, dass dies die Rolle meines Lebens war, zumal es sich um eine Rolle handelt, die bei mir 30 Jahre gebraucht hat, bis sie kommt, und weil ich schätze, für den überwiegend großen Teil der Schauspieler nie kommt. Ich habe auch nicht mehr damit gerechnet, ehrlich gesagt. Die Frage stelle ich mir also auch und ich überlege mir dann, wie wappne ich mich, gar nicht dagegen, sondern dafür, das jetzt die nächsten zwanzig Jahre wieder ruhig zu stellen. Keine Ahnung, wird schwierig werden.
Fürchten Sie, nun auf die Rolle des Nazis festgelegt zu werden?
Christoph Waltz: Die einzige Möglichkeit, die ich habe, Einfluss auf die Entwicklung meiner Tätigkeit zu nehmen, ist ja, dass ich sagen kann: „Nein, das mache ich nicht.“ Nur einen Nazi will ich sicher nicht machen, den habe ich bislang ja auch nicht gemacht. Ich habe das nur deswegen gemacht, weil das eine so grandiose Rolle war. Und Nazis spielen zum Broterwerb, das ist mir zu banal. Aber jetzt nicht unbedingt weil es Nazis sind, sondern: So Typen zum Broterwerb spielen, finde ich fad.
Wie schaut es nach dem Erfolg in Cannes mit Rollen-Angeboten aus?
Christoph Waltz: Schaut gut aus, entwickelt sich sehr positiv.
Wollen Sie sich jetzt mehr auf internationale Angebote konzentrieren?
Christoph Waltz: Ich sehe jetzt keinen Anlass, das anders zu machen als früher. Ich schaue mir das einzelne Projekt an und erst dann schaue ich, wo das ist. Wenn es mir gefällt, ist es mir eigentlich fast egal, wo das ist.
Gibt es schon ein konkretes Projekt?
Christoph Waltz: Es gibt mehrere konkrete Projekte, die einander so ein bisschen ins Gehege kämen. Da muss man erst schauen, wie man das alles auf die Reihe kriegt.
Regie: Quentin Tarantino
Darsteller: Brad Pitt, Christoph Waltz, Mélanie Laurent
Start: 21.08. (A) 20.08. (D)