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Wer Gewalt sät
Michael Haneke und die Filmfestspiele von Cannes sind untrennbar miteinander verbunden, handelt es sich bei "Das weiße Band" doch um den bereits sechsten Film des österreichischen Regisseurs, der an der Croisette im Wettbewerb lief. Schon seine erste Kinoarbeit "Der siebente Kontinent" wurde dort 1989 in der Quinzaine des Réalisateurs gezeigt. Mit "Die Klavierspielerin" (2001) und "Caché" (2005) konnte er schon Preise in Cannes verbuchen. Die diesjährige Goldene Palme für den Besten Film kann gleichzeitig als Würdigung des Lebenswerks eines Kompromisslosen betrachtet werden.
Die Parabel verstehen lernen
Um die Wurzeln des Terrors gehe es in seiner jüngsten Arbeit, so Haneke bei der Pressekonferenz in Cannes. "Eine deutsche Kindergeschichte" lautet der Untertitel des Films, der in einem kleinen Dorf im protestantischen Norden Deutschlands in den Jahren 1913/14 angesiedelt ist. Dem entsprechend steht mit einer Gruppe von Kindern jene Generation im Zentrum, die später – durch ihre autoritäre Erziehung geprägt - entscheidend dabei mithelfen sollte, dass sich der Nationalsozialismus ausbreiten konnte. Für Deutschland sehr spezifisch, doch im Ausland allgemein gültig, will Haneke seine Parabel verstanden wissen. Von der Stimme des Dorflehrers kommentiert, der sich viele Jahre später erinnert, werden in den folgenden zweieinhalb Stunden jene seltsamen Ereignisse aufgerollt, die am Vorabend des Ersten Weltkriegs die Dorfgemeinschaft zutiefst verunsichern.
Eines Nachts stürzt der Gemeindearzt mit seinem Pferd über ein zwischen zwei Bäumen gespanntes Seil. Die Frau eines Bauern kommt auf tragische Weise im Sägewerk ums Leben. Der Sohn des Barons wird am Abend des Erntedankfestes entführt und misshandelt aufgefunden, später trifft es auch den behinderten Sohn der Hebamme. Haneke spart diesmal aber an offener Brutalität, deutet Gewalt nur an und schafft so eine Atmosphäre latenter Bedrohung. An der Aufklärung der Verbrechen ist Haneke nur vordergründig interessiert, ihm geht es darum, die hierarchischen Strukturen innerhalb der Gemeinde offen zu legen. In ruhigen, penibel arrangierten schwarzweißen Plansequenzen widmet er sich den Machtverhältnissen und Abhängigkeiten innerhalb der Dorfgemeinschaft quer durch die Gesellschaftsschichten, seien sie nun familiärer, sexueller oder wirtschaftlicher Natur. Vor allem die strengen Erziehungsmethoden jener Zeit, die die Gewaltspirale von Generation zu Generation weiter drehen, werden ins Bild gerückt.
Burghard Klaußner überzeugt da als ebenso strenger wie frömmelnder Pastor, der seine Kinder mit dem Rohrstock züchtigt, und ihnen bei Verfehlungen das titelgebende weiße Band um den Arm oder ins Haar wickelt, um sie so an Reinheit und Tugendhaftigkeit zu gemahnen. Getragen von einem großartigen Ensemble erinnert der Film an die vielschichtigen Dramen eines Robert Altman – vor allem "Gosford Park" kommt einem in den Sinn. Mit "Das weiße Band" gelingt Haneke einmal mehr eine präzise Studie über die "Vergletscherung der Gesellschaft", diesmal unter den Vorzeichen des Historiendramas.
"Das weiße Band"
Regie: Michael Haneke
Darsteller: Christian Friedel, Ulrich Tukur, u.v.a.
Start: 24.09. (A) 15.10. (D)