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Tote, die Geschichte schreiben
Verbrechen und Skandinavien – heißer geht’s wohl nicht mehr. Obwohl, richtigerweise müsste es heißen: Die da oben sind so cool – Ice, Ice, Baby! Die nordischen Krimis und Thriller haben die Punzierung des "Unnahbaren", des "Nihilistischen" – Henning Mankell und Håkan Nesser: Am Kindergeburtstag bringen die noch den Abgebrühtesten zum Weinen. So gesehen war es nur eine Frage der Zeit, bis die solitäre schwedische Gletschergröße Stieg Larsson (1954 - 2004) kalbte. Mit "Verblendung" (im Original "Männer, die Frauen hassen") legt der dänische Regisseur Niels Arden Oplev ("Worlds Apart", "Drømmen") eine zweieinhalb - stündige Version des ersten gleichnamigen Romans – beachtliche 704 Seiten in der deutschen Übersetzung - von Larssons "Millenium" - Trilogie vor (posthum erschienen, zehn Bücher waren ursprünglich geplant). Larssons Urteil werden wir nie erfahren, hat doch dieser 2004 – eine Herzattacke – das Zeitliche gesegnet: Seinen Weltruhm durfte der Autor und Journalist, der als einer der weltweit führenden Experten für Rechtsextremismus und Neonazismus galt, nicht mehr erleben.
Die Rache der Entrechteten
Worum geht’s? Der Großindustrielle Henrik Vanger (Sven - Bertil Taube) erhält zu seinem 82. Geburtstag eine gepresste Blume zugesandt. Hinter dem Absender vermutet er den Mörder (?) seiner Nichte Harriet, die vor 37 Jahren spurlos verschwunden ist. Mit dem Fall betraut er den - unschuldig versteht sich - verurteilten Aufdeckungsjournalisten des "Millenium" - Magazins Mikael Blomkvist (Michael Nyqvist, "Wie im Himmel"). Bevor dieser seine sechs - monatige Haftstrafe antritt, macht er sich mit seiner jungen, wilden Assistentin, dem hackenden Goth - Girl Lisbeth Salander (Noomi Rapace) daher der englische Titel "The Girl With The Dragon Tatoo" – ans Eingemachte. Hoppla: Ein Serienkiller mordet peu à peu den schwedisch - jüdischen Geldadel. Es geht um Naziverstrickungen – die Erbsünde – und die Frage, ob es die Entrechteten schaffen, aufzubegehren. Stichwort Zurichtung: Die Lebenden sind hier latent depressiv und die Toten lustmörderisch verstümmelt (den einsamen Endpunkt der "Skandinaviamania" hat wohl Lars von Trier mit "Antichrist" gesetzt). "Verblendung" ist ein handwerklich solide inszenierter Thriller.
Wenn Larssons Romanvorlage Personenporträts schraffiert und sich in Exkursen über die schwedische Gesellschaft samt ihrer Verwerfungen ergeht, konzentriert sich das Drehbuch von Nikolaj Arcel und Rasmus Heisterberg auf eine – ohnedies vertrackte - Detektivgeschichte. Und da liegt auch ein Hund begraben: Ein wenig irritiert, dass Blomkvists Ermittlungstätigkeit eher polizeilich denn journalistisch anmutet. Lisbeth knackt noch jedes System, was freilich bewirkt, dass das ungleiche Pärchen zunehmend in die Bredouille gerät: Auf dem Familiensitz des Vanger - Klans - auf der Insel Hedeby, wo mehrere Generationen verfeindet nebeneinander leben – wird es zunehmend eng und ungemütlich: Blut ist bekanntlich dicker als Wasser! Auf die Verblendung folgt die Verdammnis, sodann die Vergebung.
"Verblendung"
Regie: Niels Arden Oplev
Darsteller: Michael Nyqvist, Noomi Rapace
Start: 16.10. (A) 01.10. (D)
Wertung: 7/10