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Die totale Therapie
Die Premiere von "Antichrist" bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes schlug hohe Wellen. Ein Skandal wurde sogleich hinausposaunt, während es Lars von Trier vermutlich vor Lachen fast zerriss. Wie kein anderer versteht es der 53 - jährige Däne zu polarisieren und zu provozieren, weshalb er auch gerne als Scharlatan bezeichnet wird. Nach der kurzweiligen Dogma - Fingerübung "The Boss Of It All" legt von Trier mit "Antichrist", den er als wichtigsten Film seiner Karriere bezeichnet, nun zweifelsohne eines seiner kontroversesten Werke vor. Obwohl der Regisseur, der in Interviews immer wieder seine eigenen Phobien und Ängste thematisiert, sein jüngstes Werk als Ausdruck einer tiefen Depression verstanden wissen will, darf die Ernsthaftigkeit seines Ansinnens bezweifelt werden, ist bei von Trier doch immer auch eine große Portion Kalkül im Spiel.
Splatter und Porno - Close - Ups
In drei Kapiteln plus Prolog und Epilog erzählt „Antichrist“ von Trauer und Schuld, Depression und Wahnsinn. Nach dem tragischen Unfalltod ihres Kindes zieht sich ein Ehepaar zu Therapiezwecken in eine einsame Waldhütte zurück, wo die Sache jedoch bald gewaltig aus dem Ruder läuft. Einmal mehr wildert von Trier quer durch die Genres und zitiert sowohl sein großes Vorbild Andrei Tarkovski als auch sein eigenes Œuvre. Obwohl der Film einige sehr explizite Splatter - Sequenzen enthält, ist "Antichrist" weniger Horrorfilm als Psychodrama. Die Liebe zum Splatter ist bei von Trier nicht neu. Schon in seiner famosen Horror - Soap "Riget" ließ der Antichrist einst im Kopenhagener Reichskrankenhaus genussvoll die Schädel aufplatzen.
Auch seiner Vorliebe für Hardcore - Porno - Close - ups, die schon in von Triers Dogma - Beitrag "Idioten" Einzug hielten, gibt er wieder nach, wobei eine derart drastische Verbindung von Sex - und Splatter - Elementen im Bereich des Arthouse - Films sicherlich einmalig ist. Dazu kommt noch sein bekannt provokantes Frauenbild, das von Trier seit seiner Passionsgeschichte "Breaking the Waves" immer wieder Misogynie - Vorwürfe einbrachte.
Zwischen Slow - Motion - Traumbildern, die an Goya ebenso wie an die Höllenszenarien eines Hieronymus Bosch gemahnen, lassen auch die Gebrüder Grimm grüßen. Spätestens dann, wenn ein sprechender Fuchs, das Chaos ausruft, kippt der Film. Von Trier geht es zu offensichtlich darum, sein Publikum zu verstören. Obwohl sich die beiden Hauptdarsteller Willem Dafoe und Charlotte Gainsbourg alles abverlangen, lässt einen der Film – wie so oft bei von Trier – nicht nur ratlos, sondern auch seltsam unberührt zurück.
"Antichrist"
Regie: Lars von Trier
Darsteller: C. Gainsbourg, W. Dafoe
Start: 05.11. (A) 10.09. (D)
Wertung: 5/10