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Jenseits von Bullerbü
Das Böse ist im Norden zu Hause – das könnte man fast meinen, betrachtet man den immensen literarischen Output von skandinavischen Krimiautoren, der in den letzten Jahren die europäischen Bestsellerlisten überschwemmt hat. Ein Höhenflug, der noch immer anhält. Als Vorreiter der erfolgreichen skandinavischen Kriminalliteratur gilt dabei die zehnbändige Krimireihe rund um Kommissar Martin Beck, mit der das schwedische Autorenehepaar Maj Sjöwall (geb. 1935) und Per Wahlöö (1926 – 1975) begonnen hat, durchaus scharfe Kritik am schwedischen Sozial- und Wohlfahrtsstaat in ihre Krimihandlungen einzubetten. Immer wieder stößt ihr Protagonist bei seinen Ermittlungen auf das Böse in Gestalt mächtiger Repräsentanten aus Wirtschaft, Politik und Justiz. Ein Großteil der zeitgenössischen skandinavischen Krimiautorenschaft fühlt sich dem Erbe von Sjöwall und Wahlöö auch heute noch verpflichtet. Henning Mankell, Håkan Nesser, Liza Marklund, Åke Edwardson, Arne Dahl – sie alle bewegen sich in dieser sozialistisch - literarischen Tradition, die stets nahe an der schwedischen Realität ihre düsteren, grausamen, mit Gesellschaftskritik durchzogenen Krimiplots ausbreitet.
Auch dem Schweden Stieg Larsson ging es in seiner "Millenium" - Trilogie darum, den Mythos um das Musterland Schweden (ein Land, das etwa eine der höchsten Vergewaltigungsraten Europas aufweist) zu dekonstruieren. In seinem Werk will er die dunkle Seite der Menschheit und der Gesellschaft, vor allem aber die moralische Verderbtheit der Mächtigen sichtbar machen. Als Meister der Beobachtung und der Charakterzeichnung versteht es Larsson gekonnt Spannung aufzubauen und die Leser ab der ersten Seite zu fesseln. Seinen Erfolg als Bestsellerautor hat der engagierte Politik- und Wirtschaftsjournalist selbst jedoch nicht mehr miterlebt. Stieg Larsson ist 2004 im Alter von knapp 50 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben. Die drei Teile der "Millenium" - Reihe (eigentlich waren zehn Bände angedacht) wurden erst zwischen 2005 und 2007 posthum veröffentlicht. Weltweit haben sich seine Krimis an die 15 Millionen Mal verkauft, und immer noch stehen sie weit oben auf den internationalen Bestsellerlisten – alleine in Schweden gingen 3,5 Millionen Exemplare über die Ladentische. 2006 wurde Larsson posthum für den ersten Teil der Triologie ("Verblendung") als bester Kriminalautor mit dem skandinavischen Krimipreis "Glasnyckeln" ausgezeichnet.
Stieg Larsson war bekannt für sein Engagement: Der Aufdeckungsjournalist war Gründer und Herausgeber des linken, antirassistischen Magazins "EXPO" und machte sich als Experte für Rechtsextremismus und Neonazismus einen Namen – eine Thematik, die Larsson in seiner »Millenium«-Trilogie auch verarbeitet hat. Außerdem trat Larsson vehement gegen Menschenhandel und Gewalt an Frauen ein, zwei weitere zentrale Aspekte seiner Krimireihe. Viel Autobiografisches ist also in die Romane des Schweden eingeflossen. So kann die männliche Hauptfigur des Mikael Blomkvist ganz klar als Alter Ego des Autors bezeichnet werden. Wie Larsson ist Blomkvist ein Gerechtigkeitsfanatiker und Wahrheitssucher, arbeitet als Enthüllungsjournalist und ist Herausgeber eines Politmagazins.
Mädchenhandel und Zwangsprostitution
Nach dem Dänen Niels Arden Oplev, der bei "Verblendung" Regie geführt hat, inszeniert nun der Schwede Daniel Alfredson, der bei Teil eins noch für die Aufnahmen des zweiten Teams zuständig war. Michael Nyqvist schlüpft abermals in die Rolle des hartnäckigen Investigativjournalisten Blomkvist. Der schwedische Film - und Theaterschauspieler hat im Jahr 2000 erstmals in Lukas Moodyssons wunderbarer Kommunen - Tragikomödie "Zusammen!" als gewalttätiger Familienvater international auf sich aufmerksam gemacht und konnte mit dem Arthouse - Film "Wie im Himmel" einen Überraschungserfolg landen. Die großartige Noomi Rapace gibt ein zweites Mal die burschikose Computer - Hackerin Lisbeth Salander mit dem beeindruckenden Drachen - Tattoo am Rücken und jeder Menge Metall in der Spürnase. Wie schon bei "Verblendung", der im Original "Män som hatar kvinnor" also "Männer, die Frauen hassen" heißt, ist auch der schwedische Titel von "Verdammnis", "Das Mädchen, das mit dem Feuer spielte" ("Flickan som lekte med elden"), treffender als der verunglückte deutsche Titel.
Ein Jahr ist vergangen, seitdem der Journalist Mikael Blomkvist gemeinsam mit der Computer - Hackerin Lisbeth Salander das grausame Geheimnis des mächtigen Vanger - Clans offengelegt hat und dies beinahe mit dem Leben hat bezahlen müssen. Mikael und Lisbeth, die im Ausland untergetaucht ist, haben keinen Kontakt mehr zueinander. Als der junge Journalist Dag Svensson (Hans Christian Thulin) mit einer brisanten Story, die um Mädchenhandel und Zwangsprostitution kreist, an Redakteur Blomkvist herantritt, kann der passionierte Enthüllungsjournalist nicht widerstehen. Russische Mädchen, so behauptet Svensson, werden ins Land gebracht und zur Prostitution mit scheinbar honorigen Persönlichkeiten der Stockholmer Gesellschaft, auch aus Regierungs- und Polizeikreisen, gezwungen. Mikael, der schon eine große Story darüber in seinem Magazin "Millenium" sieht, beginnt selbst umfassend zu recherchieren und die Fakten zu prüfen, um einer erneuten Verleumdungsklage entgegenzuwirken. Lisbeth behält währenddessen – von ihrem Versteck im Ausland aus – ihren sadistischen Peiniger, den Anwalt Nils Bjurman (Peter Andersson), im Fokus. Bjurman wurde Lisbeth nach ihrer Entlassung aus einer psychiatrischen Klinik, in die sie schon als Kind gesteckt wurde, als Vormund zugeteilt.
Mehrfach wurde sie von ihm sexuell misshandelt, bis sie sich schließlich mithilfe einer Filmaufzeichnung gegen ihren Vergewaltiger zur Wehr setzen konnte. Als Lisbeth, die sich in regelmäßigen Abständen in Bjurmans Computer einhackt, herausfindet, dass dieser sich ein Andenken an sie, eingeritzt in seine Haut, entfernen lassen möchte, kehrt sie nach Schweden zurück, um ihn eindringlich von seinem Vorhaben abzuhalten. Dabei findet sie heraus, dass auch Bjurman in die Geschichte, die Mikael recherchiert, verwickelt ist. Als Bjurman kurze Zeit später tot aufgefunden wird und auch Svensson zusammen mit seiner Freundin, der Kriminalistin Mia Bergmann, grausam ermordet wird, fällt der Verdacht auf Lisbeth, deren Fingerabdrücke in Bjurmans Appartement gefunden werden. Nur Blomkvist ist von ihrer Unschuld überzeugt. Während die schwedische Polizei Lisbeth jagt, macht er sich daran, die wahren Täter zur Strecke zu bringen.