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Hallam Foe: Musik formt den Charakter
Man sieht schon, einiges ist ziemlich seltsam an dem jungen Mann, doch so einfach lässt Regisseur David MacKenzie seine Protagonisten bekanntlich nicht im Regen stehen. Immerhin hat er bereits Ewan McGregor in „Young Adam“ über den schmalen Grat zwischen berechnendem Mörder und anziehender Identifikationsfigur manövriert. Doch bevor sich Hallam mit einem zuversichtlichen Grinsen über den Rand der Leinwand verabschieden kann, tappt er zunächst in wirklich alle Fallen, die sich auftun. Mit der „bösen“ Stiefmutter stolpert er in den vielleicht ersten Baumhaus-Quickie der Filmgeschichte, er verliebt sich in die optische Doppelgängerin seiner eigenen Mutter und muss sich zuletzt auch noch beim „Extrem-Stalking“ über den Dächern Edinburghs erwischen lassen. Therapie durch Konfrontation, könnte man das nennen.
Mit auf den Weg gibt MacKenzie dem hageren 17-Jährigen nur drei Dinge, um die Sympathien der Zuseher zu gewinnen und sich anschließend selbst aus dem Schlamassel zu ziehen: Ein mageres Motiv, ein einnehmendes Äußeres und einen blendenden Soundtrack. Überzeugend wirkt die Besetzung der Hauptrolle mit Jamie Bell. In „Billy Elliot – I Will Dance“ hat dieser sich erstmals als tanzendes Arbeiterkind hervorgetan, als Hallam Foe meistert er nun ebenso leichtfüßig den Balanceakt zwischen neurotischem Freak und dem sich parallel zum Verlauf der Geschichte entwickelnden, humorvollen und liebenswerten Jungen, der nach einer Periode des Stillstands sein Leben wieder in die Griff bekommen will. Dieses Nebeneinander der Gemüter verkörpert in einer einzigen Person, diese innere Gespaltenheit des Charakters darzustellen und dem Zuseher verständlich und stimmig zu kommunizieren, war die große Herausforderung bei der Umsetzung des Films. Interessantes Hilfsmittel dabei ist der bereits erwähnte Soundtrack. Während MacKenzie bei „Young Adam“ noch auf einen klassischen Score, produziert von Talking-Heads-Mastermind David Byrne, zurückgegriffen hatte, entschied er sich diesmal dafür, lizenzierte Songs einzusetzen. In einer mehrmonatigen Recherche in den Archiven des Londoner Independent-Labels Domino Records stellte er eine Art MixTape zusammen, das im Film, beinahe wie eine Sympathie-Transfusion, den in sich gekehrten, düsteren Charakter zu erleuchten beginnt.
Hallam muss sich zuletzt auch noch beim „Extrem-Stalking“ erwischen lassen.
„Wer so nette Musik hört, kann so blöd nicht sein“, könnte die plumpe Conclusio lauten. Tatsächlich scheint es einfacher, Assoziationen und Emotionen aus dem realen Universum mittels Songs in die fiktive Welt auf der Leinwand zu schleusen, als sich filmischer Grundbegriffe zu bedienen. Im Sinne des künstlerischen Anspruchs scheint auch der eigens komponierte Score auf den ersten Blick gewissermaßen „wertvoller“ – weil auf die Bilder maßgeschneidert – zu sein. Dass man durch eine geschulte Kenntnis der popkulturellen Klaviatur vielleicht noch bezaubendere Soundtracks entstehen lassen kann, haben ihrerseits Regisseure wie Danny Boyle oder Wes Anderson bereits unter Beweis gestellt. So weit ist David MacKenzie allerdings noch nicht. „Man mag ein Lied, unterlegt es der entsprechenden Szene und sieht dann, wie Film und Musik miteinander wirken“, erklärt er seine Vorgehensweise. Spätestens wenn die treibenden Riffs von Schottlands Post-Punk Legenden Orange Juice zu Hallams Aufbruch nach Edinburgh intonieren, dämmert einem, dass sich hinter dem konfusen Psycho-Drama eigentlich eine Coming-of-Age-Geschichte verbirgt. Die hat zwar einen reichlich verschrobenen Protagonisten, man kann ihm aber trotzdem nicht widerstehen.