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Terrorismus, hausgemacht
Nachdem die RAF-Terroristen im „Deutschen Herbst“ 1977 mit Geiselnahmen und Attentaten eine blutige Visitkarte hinterlassen haben, schien die Gewaltwelle und Hysterie damals auch auf Österreich überzuschwappen. Alles, was vom „großen Bruder“ kommt, muss scheinbar hierorts auch seiner (mehr oder) weniger originellen Variante à la Autrichienne zugeführt werden; Und so erfand sich der „Terrorismus made in Austria“ (quasi eine Tertiogenitur) als eine Apotheose der Sekundogenitur deutschen Terrorismus, in einer Hinwendung zur „Bewegung 2. Juni“ – einem Ableger der RAF. (Oder stellten die österreichischen Anarchos einfach nur den flotten Röcken der Außerparlamentarischen Opposition, kurz APO, nach?)
Wer nun vorschnell behauptet, österreichische Terroristen verträten unausgereifte Ideen, seien stümperhaft in ihrem Auftreten, dilettantisch in ihrer Ausführung und larmoyant bis peinlich in ihrer Rechtfertigung (vor Gericht), nachdem sie sich völlig ungeschickt erwischen haben lassen – wer also all dies behauptet, tut dem Wesen des Österreichers (als Terrorist) möglicherweise unrecht, könnte aber auch nicht so falsch liegen. Bevor man mich missversteht: Natürlich gilt mein aufrichtiges Mitgefühl den Opfern des „Austro-Terrorismus“ und ihren Angehörigen.
Am 8. November 1977 wurde der betagte Textilunternehmer Walter Palmers vor seiner Währinger Villa brutal entführt .
Was aber macht nun einen österreichischen Terroristen aus? Die Entführung von Walter Palmers jährt sich im November zum 30. Mal; Der Dokumentarfilm „Keine Insel“ von Alexander Binder zeigt die Hintergründe. Sehen wir uns doch einmal diese Geschichte an, bevor wir die österreichische Terrorismus-Folklore erkunden.
Am 8. November 1977 wurde der betagte Textilunternehmer Walter Palmers vor seiner Währinger Villa brutal entführt; Das Prozedere war jedoch von seltsamer Unprofessionalität: Die „2.-Juni-Leute“, denen sich die „Terroristen für Arme“ Gratt, Keplinger und Pitsch mit Haut und Haaren auslieferten, wollten, dass die Entführung, die ja nur dazu diente, die „2.-Kriegskasse“ zu füllen, als kriminelle Aktion erscheinen sollte. Deshalb sollte nicht eine deutsche APO-Frau, sondern „ein Österreicher“ die Familie Palmers telefonisch erpressen. Ausgerechnet der Bregenzer Gratt, wohlgelitten in der Wiener „Szene“, sprach in seinem unverwechselbaren alemannischen Idiom prompt auf ein Polizeitonband. Die Wiener Linken wählten die Nummer, unter der man sich die Stimme vorspielen lassen konnte, und klopften Schenkel über die Terrordilettanten.
Rückblende I: Reinhard Pitsch verteilte mit seinen Genossen von der „Arbeitsgemeinschaft Politischer Gefangener“ (Sympathisanten der RAF) vor der Uni Wien Flugblätter. Da kamen zwei fesche Mädels deutscher Provenienz auf den angehenden Philosophen P. zu, und beim nächsten Treffen im Café Haag (heute Café Schottenstift) musste er sich eingestehen, Inge Viett und Juliane Plambeck, zwei steckbrieflich gesuchte deutsche Stadtguerilleros der „Bewegung 2. Juni“, die erst kurz zuvor aus einem Berliner Gefängnis ausgebrochen waren, vor sich zu haben. Die Kaffee-Rechnung sollte für Pitsch das Eintrittsbillet in eine kurze, aber nachhaltig-fatale Terroristenkarriere sein. Er machte die radikalen Ladys mit seinen Haberern, den angehenden Theaterwissenschaftlern Thomas Gratt und Othmar Keplinger, bekannt. Bei einem Stadtheurigen ging man die Namen der Wiener Reichen durch, um im Anschluss Wohnorte und Fahrgewohnheiten auszukundschaften: Man einigte sich auf Walter Palmers – Oberhaupt einer wohlhabenden, aber dennoch intakten Familie.
Auch hier hat man schon wieder den Falschen im Visier – wie in Deutschland, wo der Chauffeur, der Pilot, der weltgewandte Botschaftsrat, der gerne mit den linken Studenten diskutierte und der sozial- und investitionsrevolutionären Ideen zugeneigte Vorstandssprecher einer deutschen Bank ins Fadenkreuz kamen: allesamt sinnlos ermordet. Auch Palmers war ein fürsorglicher Familienvater, der über 1.500 Menschen Arbeit gab.
Mehr noch als die deutschen und französischen sind die österreichischen Terroristen das eine: theatralisch. Bei uns ist eben das Leben nichts als Theater und das Theater das selbstverständlichste Leben; Frei nach dem Avantgarde-Theoretiker Peter Bürger, der die Gleichsetzung ebendieser Begriffe in den frühen Avantgarden (Futurismus, Dadaismus und Surrealismus) verortet, darf man als gelernter Österreicher umso mehr sagen, dass erst der hausgemachte Terrorismus großes Theater ist – mindestens Burgtheater. Nicht umsonst reiht sich Österreichs größter Schriftsteller des letzten Jahrhunderts, Thomas Bernhard, in eine formidable Theater-Skandal-Geschichte ein. Diese Traditionslinie zieht sich von Johann Nestroy (Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang ...) über Bernhards Untergangsverliebtheit zur Literaturnobelpreisträgerin und „Apologetin des Verderbens“ Elfriede Jelinek („Ulrike Maria Stuart“) – darein schreiben sich freilich auch die Palmers-Kidnapper ein.
Der bärtige Corps-Student Karl Marx formulierte in seinem berühmten Artikel in der Neuen Rheinischen Zeitung den „Sieg der Konterrevolution“ – dort beklagte er den „Verrat der Bourgeoisie“ an ihrer eigenen Revolution, geißelte den „revolutionären Terrorismus“ und prägte das Wort von der „Österreichischen Völkerkatzenmusik“. Marx spielte damit auf die (damals?) beliebteste Form politischen und sozialen Protests in Wien – eben die „Katzenmusik“ – an. Wer sinngemäß die Herkunft der Palmers-Entführer – wie auch der „Stammheimer“ – aus gutbürgerlichem Haushalte vermutet, trifft „bombensicher“: Eine Attacke auf das Land und die Herzen jener Eltern-Generation, die Österreich und Deutschland nach dem Krieg wieder aufgebaut hatten; Renitente Bürgerkinder auf den Barrikaden eben.
Zurück zum Theatrum Austriacum: Es nimmt nicht wunder, dass sich die konspirative Zelle rund um die „Bewegung 2. Juni“ (der proletarische Teil der linken Stadtguerilla; Benno Ohnesorgs Todestag ist der 2. Juni 1967) auf dem Wiener Institut für Theaterwissenschaft (damals noch ohne Film- und Medienwissenschaft) konstituierte. Ob von links oder rechts: Terrorismus aus Österreich war eher weniger als gutes Theater; Man denke nur an die Schrei-Exzesse des flamboyanten Franz Fuchs: „Wie macht der Hund: Wau Wau! Wie macht die Katze: Miau! Wie macht der Fuchs: Nein, danke!“ (Mehr Franz-Fuchs-Witze im Sinne von Ernst Lubitsch, dass man sich über böse Menschen auch lustig machen müssen darf, unter www.funpage.at/fuchs.html.) Ich sage nur: Schlechte Schmiere!
Auch die „Fuchs-Jagd“ und die Ergreifung der Palmers-Entführer muss man sich mehr als Klamauk vorstellen: Mit vollen Hosen ließ sich der eine bei einer Verkehrskontrolle und die anderen an der Grenze zur Schweiz erwischen.