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Ich bin kein Bob-Dylan-Film
Der US-amerikanische Regisseur Todd Haynes („Velvet Goldmine“) hat ein Biopic über Bob Dylan gedreht und brauchte dafür ganze sieben Jahre. Herausgekommen ist ein über zwei Stunden langer Streifen mit dem Titel „I’m not there“. Haynes bezieht sich dabei auf eine rare Dylan-Aufnahme, die lange Zeit nur als Bootleg erhältlich war. Auf den ersten Blick deutet hier alles auf eine bombastische Denkmal - Setzung hin, die nur für wirkliche Dylan Fans relevant scheint.
Doch dem ist bei Weitem nicht so. Denn Todd Haynes’ Dylan-Film ist kein Film über Bob Dylan. Er ist viel mehr ein Film über Todd Haynes selbst, über seine Auseinandersetzung mit dem Mythos Dylan und über den Versuch, der emotionalen Wirkung von Musik mit den Mitteln des Kinos gerecht zu werden. Was Haynes mit diesen Film aufzeigen will, ist nicht wer Bob Dylan war und ist, sondern worum es bei Bob Dylan eigentlich im Kern geht, nämlich die Bereitschaft, seine etablierte Identität abzustreifen, um sich künstlerisch weiterzuentwickeln.
Mit seiner Entscheidung, nicht einen Film über Dylan zu machen, erreicht Haynes genau sein Ziel, nämlich die größtmögliche Annäherung an das Thema Dylan. Ganz im Sinne von Bob Dylan selbst, der 2001 im Rahmen eines Interviews klarstellte: „Diese sogenannten Kenner der Musik von Bob Dylan, sie haben wirklich keine Ahnung, wer ich bin und was mir wichtig ist. Es ist lächerlich, lustig und auch traurig, dass solche Menschen so viel Zeit damit verbracht haben über wen nachzudenken? Mich? Werdet erwachsen. Ihr verschwendet eure Zeit.“
Die Entstehungsgeschichte von „I’m not there“ beginnt mit einem Umzug. Todd Haynes hatte 1999 genug von New York und beschloss, sein Apartment im hippen Stadtteil Williamsburg aufzulösen und zu seiner Schwester nach Portland, Oregon, umzuziehen. Dort wollte er sich ganz dem Drehbuch für „Far from Heaven“ widmen, einem klassischen Melodrama, an dem er seit „Velvet Goldmine“ arbeitete. „Ich war eine Woche allein mit dem Auto unterwegs, mit all diesen alten Kassetten. Da begann ich wieder Dylan zu hören“, erinnert sich Haynes.
In Portland angekommen, schreibt er in der Nacht am Drehbuch für „Far from Heaven“, um sich untertags intensiv mit dem Leben und der Musik Bob Dylans auseinanderzusetzen. Bald entsteht das Konzept für einen Dylan-Film mit der Idee, die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven und mehreren Zeitebenen zu erzählen. „Mir wurde klar, dass diese Verweigerung Dylans, auf eine Identität bzw. auf einen Charakter fixiert zu werden, der Schlüssel zu seiner persönlichen Freiheit war“, erklärt Haynes. „Er hat es irgendwie geschafft hat, nicht auf eine Person eingefroren zu werden.“
Im Film treten insgesamt sechs Personen auf, um die verschiedenen Inkarnationen von Bob Dylan darzustellen. Der 13-jährige Afro-Amerikaner Marcus Lukas Franklin spielt den jungen Dylan, der mit seiner Gitarre durch das Land reist. Christian Bale steht als Jack Rollins für den Folk-Dylan, der Protest Songs singt und Ende der Siebziger zum christlichen Prediger mutiert. Cate Blanchett mimt den androgynen Rockstar Bob Dylan, dem seine Fans den Umstieg auf die elektrische Gitarre noch nicht verziehen haben. Heath Ledger und Richard Gere spielen Dylan in den 70ern, während Ben Whishaw als junger Poet Dylan auftritt, der sich einem fiktiven Verhör stellt. Laut Haynes ist diese Vielzahl an Charakteren wichtig, um die Neuausrichtungen im Leben von Dylan auch für den Zuschauer sichtbar zu machen.
Mit seiner Entscheidung, nicht einen Film über Dylan zu machen, erreicht Haynes aBer genau sein Ziel, nämlich die größtmögliche Annäherung an das Thema Dylan.
So habe Bob Dylan beispielsweise die von ihm „erschaffene“ Figur des Rockstars, mit der er 1965 seine Identität als Folksänger zurückließ, nach einem Motorrad-Unfall 1967 nie wieder auferstehen lassen. Stattdessen zog er sich in die Wälder um Woodstock zurück, um dort ein einfaches Leben zu führen. „Wenn man so will, starb da ein Dylan bei diesem Motorradunfall.“
Nachdem sich die Idee zu „I’m not there“ konkretisiert hatte, trat Haynes im Frühjahr 2000 mit Jesse Dylan, dem Sohn von Bob Dylan, in Los Angeles in Kontakt, um über eine Freigabe der Rechte zu sprechen. Nach den schmerzlichen Erfahrungen mit „Velvet Goldmine“, wo sich David Bowie geweigert hatte, auch nur einen Song für den Film freizugeben, wollte Haynes diesmal auf Nummer sicher gehen. Jesse Dylan wiederum stellte den Kontakt zu Jeff Rosen, der rechten Hand von Bob Dylan, her. Rosen war sofort am Projekt interessiert, bat Haynes aber neben DVDs von seinen Filmen um eine einseitige Zusammenfassung des Films. Dabei sollte Haynes die Begriffe Genie, Stimme einer Generation, Musik und den Namen Bob Dylan tunlichst vermeiden.
Haynes schickte im Sommer 2000 den Einseiter ab, den er mit dem Rimbaud-Zitat „I is another“ betitelte. Im Herbst des gleichen Jahres bekam er von Bob Dylan die Freigabe der Rechte.
Doch Haynes konnte sich nicht gleich an die Umsetzung des Dylan-Films machen. Zuvor galt es noch „Far from Heaven“ zu Ende zu schreiben und den Film fertigzustellen. Das Drama über eine Hausfrau in den 50ern, die vom Doppelleben ihres schwulen Ehemanns erfährt und daraufhin eine Affäre mit einem Afro-Amerikaner beginnt, erhält 2003 vier Oscar-Nominierungen und wird der erste kommerziell erfolgreiche Film für Todd Haynes. Erst im Herbst 2003 kann er sich wieder ganz dem Dylan-Projekt widmen.
Im Frühjahr 2004 stellte Haynes das Drehbuch fertig, doch die Produzenten in Hollywood zeigten dem Projekt die kalte Schulter. Und das trotz Haynes Oscar-Erfolg und der Tatsache, dass er als erster Nicht-Dokumentarfilmer die Musikrechte von Bob Dylan erhalten hatte. Es war offensichtlich, dass dem Film aufgrund seiner Montage-Technik und der in sich verschachtelten Handlungsstränge jeglicher kommerzielle Erfolg abgesprochen wurde.