/  Start  /  Magazin  /  Film
Mittwoch, 02. Januar 2008
// Film

Ich bin kein Bob-Dylan-Film

Von: Franz Drack

Todd Haynes hat sieben Jahre gebraucht, um seinen Film über Bob Dylan „I’m not there“ fertig zu stellen. Dabei geht es im Film gar nicht um Bob Dylan. Die turbulente Entstehungsgeschichte des wahrscheinlich wichtigsten Films dieses Jahrzehnts.

Foto: Tobis Film

Cate Blanchett als Bob Dylan

„I'm not there“ im Verleih von Tobis Film ist ab 28. Februar 2008 in den österreichischen Kinos zu sehen.

Der US-amerikanische Regisseur Todd Haynes („Velvet Goldmine“) hat ein Biopic über Bob Dylan gedreht und brauchte dafür ganze sieben Jahre. Herausgekommen ist ein über zwei Stunden langer Streifen mit dem Titel „I’m not there“. Haynes bezieht sich dabei auf eine rare Dylan-Aufnahme, die lange Zeit nur als Bootleg erhältlich war. Auf den ersten Blick deutet hier alles auf eine bombastische Denkmal - Setzung hin, die nur für wirkliche Dylan Fans relevant scheint.

Doch dem ist bei Weitem nicht so. Denn Todd Haynes’ Dylan-Film ist kein Film über Bob Dylan. Er ist viel mehr ein Film über Todd Haynes selbst, über seine Auseinandersetzung mit dem Mythos Dylan und über den Versuch, der emotionalen Wirkung von Musik mit den Mitteln des Kinos gerecht zu werden. Was Haynes mit diesen Film aufzeigen will, ist nicht wer Bob Dylan war und ist, sondern worum es bei Bob Dylan eigentlich im Kern geht, nämlich die Bereitschaft, seine etablierte Identität abzustreifen, um sich künstlerisch weiterzuentwickeln.

Mit seiner Entscheidung, nicht einen Film über Dylan zu machen, erreicht Haynes genau sein Ziel, nämlich die größtmögliche Annäherung an das Thema Dylan. Ganz im Sinne von Bob Dylan selbst, der 2001 im Rahmen eines Interviews klarstellte: „Diese sogenannten Kenner der Musik von Bob Dylan, sie haben wirklich keine Ahnung, wer ich bin und was mir wichtig ist. Es ist lächerlich, lustig und auch traurig, dass solche Menschen so viel Zeit damit verbracht haben über wen nachzudenken? Mich? Werdet erwachsen. Ihr verschwendet eure Zeit.“

Die Entstehungsgeschichte von „I’m not there“ beginnt mit einem Umzug. Todd Haynes hatte 1999 genug von New York und beschloss, sein Apartment im hippen Stadtteil Williamsburg aufzulösen und zu seiner Schwester nach Portland, Oregon, umzuziehen. Dort wollte er sich ganz dem Drehbuch für „Far from Heaven“ widmen, einem klassischen Melodrama, an dem er seit „Velvet Goldmine“ arbeitete. „Ich war eine Woche allein mit dem Auto unterwegs, mit all diesen alten Kassetten. Da begann ich wieder Dylan zu hören“, erinnert sich Haynes.

In Portland angekommen, schreibt er in der Nacht am Drehbuch für „Far from Heaven“, um sich untertags intensiv mit dem Leben und der Musik Bob Dylans auseinanderzusetzen. Bald entsteht das Konzept für einen Dylan-Film mit der Idee, die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven und mehreren Zeitebenen zu erzählen. „Mir wurde klar, dass diese Verweigerung Dylans, auf eine Identität bzw. auf einen Charakter fixiert zu werden, der Schlüssel zu seiner persönlichen Freiheit war“, erklärt Haynes. „Er hat es irgendwie geschafft hat, nicht auf eine Person eingefroren zu werden.“

Im Film treten insgesamt sechs Personen auf, um die verschiedenen Inkarnationen von Bob Dylan darzustellen. Der 13-jährige Afro-Amerikaner Marcus Lukas Franklin spielt den jungen Dylan, der mit seiner Gitarre durch das Land reist. Christian Bale steht als Jack Rollins für den Folk-Dylan, der Protest Songs singt und Ende der Siebziger zum christlichen Prediger mutiert. Cate Blanchett mimt den androgynen Rockstar Bob Dylan, dem seine Fans den Umstieg auf die elektrische Gitarre noch nicht verziehen haben. Heath Ledger und Richard Gere spielen Dylan in den 70ern, während Ben Whishaw als junger Poet Dylan auftritt, der sich einem fiktiven Verhör stellt. Laut Haynes ist diese Vielzahl an Charakteren wichtig, um die Neuausrichtungen im Leben von Dylan auch für den Zuschauer sichtbar zu machen.

Mit seiner Entscheidung, nicht einen Film über Dylan zu machen, erreicht Haynes aBer genau sein Ziel, nämlich die größtmögliche Annäherung an das Thema Dylan.

So habe Bob Dylan beispielsweise die von ihm „erschaffene“ Figur des Rockstars, mit der er 1965 seine Identität als Folksänger zurückließ, nach einem Motorrad-Unfall 1967 nie wieder auferstehen lassen. Stattdessen zog er sich in die Wälder um Woodstock zurück, um dort ein einfaches Leben zu führen. „Wenn man so will, starb da ein Dylan bei diesem Motorradunfall.“

Nachdem sich die Idee zu „I’m not there“ konkretisiert hatte, trat Haynes im Frühjahr 2000 mit Jesse Dylan, dem Sohn von Bob Dylan, in Los Angeles in Kontakt, um über eine Freigabe der Rechte zu sprechen. Nach den schmerzlichen Erfahrungen mit „Velvet Goldmine“, wo sich David Bowie geweigert hatte, auch nur einen Song für den Film freizugeben, wollte Haynes diesmal auf Nummer sicher gehen. Jesse Dylan wiederum stellte den Kontakt zu Jeff Rosen, der rechten Hand von Bob Dylan, her. Rosen war sofort am Projekt interessiert, bat Haynes aber neben DVDs von seinen Filmen um eine einseitige Zusammenfassung des Films. Dabei sollte Haynes die Begriffe Genie, Stimme einer Generation, Musik und den Namen Bob Dylan tunlichst vermeiden.

Haynes schickte im Sommer 2000 den Einseiter ab, den er mit dem Rimbaud-Zitat „I is another“ betitelte. Im Herbst des gleichen Jahres bekam er von Bob Dylan die Freigabe der Rechte.

Doch Haynes konnte sich nicht gleich an die Umsetzung des Dylan-Films machen. Zuvor galt es noch „Far from Heaven“ zu Ende zu schreiben und den Film fertigzustellen. Das Drama über eine Hausfrau in den 50ern, die vom Doppelleben ihres schwulen Ehemanns erfährt und daraufhin eine Affäre mit einem Afro-Amerikaner beginnt, erhält 2003 vier Oscar-Nominierungen und wird der erste kommerziell erfolgreiche Film für Todd Haynes. Erst im Herbst 2003 kann er sich wieder ganz dem Dylan-Projekt widmen.

Im Frühjahr 2004 stellte Haynes das Drehbuch fertig, doch die Produzenten in Hollywood zeigten dem Projekt die kalte Schulter. Und das trotz Haynes Oscar-Erfolg und der Tatsache, dass er als erster Nicht-Dokumentarfilmer die Musikrechte von Bob Dylan erhalten hatte. Es war offensichtlich, dass dem Film aufgrund seiner Montage-Technik und der in sich verschachtelten Handlungsstränge jeglicher kommerzielle Erfolg abgesprochen wurde.










Artikel aus unserem Archiv

Sonntag, 16. März 2008
// CD Rezension

Curbs: Out of Sight (Pate / Edel)

Wie schon auf ihrem Debüt „Change Everything“ hat sich die Wiener Band Curbs auch auf „Out of Sight“ einer harmonieverliebten Popmusik britischer Prägung verschrieben – von einzelnen Ausreißern wie dem rockigen „Waste Your Youth“...

Dienstag, 21. April 2009
// DVD

Mirrors

Wer sein Spiegelbild betrachtet, blickt auch in die eigene Seele. Doch nicht immer zeigt das Widerbild das wahre Selbst. Ben Carson (Kiefer Sutherland) steckt in einer schweren Krise. Nach dem Tod seines Partners sucht der Ex -...

Donnerstag, 23. April 2009
// Musik

Beats International

Bild: Bubu Dujmic

Die Waxolutionists sind Österreichs vielseitigste Hip - Hop - Crew. Das Genre haben sie immer schon als weites, weites Feld verstanden und so passt auch auf ihrem neuen, fünften Album "We Paint Colors" wieder so Einiges unter die...

Donnerstag, 18. September 2008
// Games

Alle Regler auf 11

Totgesagte leben länger. Das gilt vor allem und immer wieder für die gute, alte Stromgitarre. Sie hat Disco überlebt, New Wave, Techno und HipHop. Mit "SingStar Amped" und "Guitar Hero: On Tour" wird diese musikhistorische...

Samstag, 06. September 2008
// News

Soloalbum von Jochen Distelmeyer?

Dass sich die Band Blumfeld aufgelöst hat, ist eine der mittleren Katastrophen der letzten Jahre. Aber nun gibt es wieder Grund zur Hoffnung, dass zumindest annähernd so gute Musik nachkommt.

Dienstag, 25. September 2007
// CD Rezension

Bonde Do Role: With Lasers (Domino / Edel)

Ähnlich erfolgreich wie CSS ist die ebenfalls aus Brasilien stammende Band Bonde Do Role. Dank ihres vor Kurzem erschienenen Debüts, sind die drei Studienabbrecher zur hippen Pop-Ware aufgestiegen. Auf dem Album, es trägt den...

Sonntag, 10. Mai 2009
// News

Comic wird Film

In drei Abenteuern sollen "Tim und Struppi", die beiden legendären Comic - Helden des...

Freitag, 08. Mai 2009
// News

Wild Things

Im Oktober soll nun endlich die Verfilmung von Maurice Sendaks fantastischem Kinderbuch "Wo...

Freitag, 08. Mai 2009
// News

springnine in Graz

Alljährlich präsentiert die steirische Landeshauptstadt in unzähligen Locations ein sehr breites...

Freitag, 08. Mai 2009
// News

Harte Fronten im Quotenkrieg

Der ORF sendet neue Signale zur Aufwertung heimischer Musik – doch die sind den Branchenvertretern...

Mittwoch, 06. Mai 2009
// News

Europa gibt's auch in Afrika

Die Europäische Union reicht bis zum Indischen Ozean: 95,2 Prozent der Bewohner der afrikanischen...

Mittwoch, 06. Mai 2009
// News

Selfmade "Herr der Ringe"

Im Web kursiert ein kostenloser Fanfilm zu "Herr der Ringe". Ein anscheinend recht begeisterter...

Mittwoch, 06. Mai 2009
// News

Rexona Girl Music Fan gibt Startschuss zur Star Chase 2009

Die neue Duftvariante Rexona Girl Music Fan gab diese Woche den Startschuss zur Star Chase 2009,...

Mittwoch, 06. Mai 2009
// News

Urban Art Forms Festival 2009

Bild: Maren Böttcher

Das Wort "urban" ist zwar schon als Unwort in die Geschichte eingegangen und was Kunst...

Dienstag, 05. Mai 2009
// News

1 Stadt, 1 Nacht und ganz viel Party

Konditionstraining absolviert, Pulsmessgerät bereit – Innsbruck startet den Partymarathon des...

Dienstag, 05. Mai 2009
// News

Trau keinem über 30

Seit 1. Mai läuft im Joanneum die Ausstellung zum Festival absolutely free. Junge Künstler unter 30...

Dienstag, 05. Mai 2009
// News

TBA Download CD #18 online

Mit Tracks von Grizzly Bear, Isis, Cursive, Jason Lytle und vielen anderen mehr.

Montag, 04. Mai 2009
// Magazin

Cognac, Zollbarrieren und Midlife Crisis

Bild: European Communities

Die Geschichte der EU: Über die Entwicklung einer wirtschaftlichen Interessens - Gemeinschaft, die...

Montag, 04. Mai 2009
// News

Moby setzt auf Lynch

Mit seinen Musikvideos hat Richard Melville Hall, besser bekannt als Moby, schon immer zu glänzen...

Sonntag, 03. Mai 2009
// News

Handheld Pionier wird 20

Die Veröffentlichung der neuen Nintendo DSi sorgt im Hause Nintendo fu?r Sentimentalität. 1989 trat...

Samstag, 02. Mai 2009
// News

Fashion Fotos und Blogs

Fashion - Blogs gibt es wie Sand am Meer, nur in Österreich nicht. Der Fashion Blogger Day am 6....