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AustroVision: Der Komödien- und Tragödien-Grat
Wir setzen unsere Serie AustroVision mit einem Ulrich-Seidl-Interview fort. Roland Teichmann (ÖFI) im Gerpäch für den ersten Teil unserer Artikel-Reihe (TBA 06/2007): „Die Kombination aus Fiktionalem und Dokumentarischem, die mit dem Brennglas kompromisslos menschliche Abgründe ohne Scham und Filter zeigt, ist in Europa schon ziemlich einzigartig und in gewisser Weise stilbildend.“ Das Eine haben Teichmann und Seidl gemeinsam: Beide wünschen sich einen selbstbewussten Österreichischen Film. Ulrich Seidl hat – endlich und wohlverdient – seinen vorläufigen Karriere-Zenit erreicht; kreativ ist da freilich noch einiges drin.
„Import Export“ erzählt in einer Gegenbewegung zwei Geschichten: Die eine handelt von Olga, einer Krankenschwester aus der tiefsten Ukraine. Die andere von Paul, einem österreichischen Arbeitslosen und Ex-Security-Wachmann. Olga sucht ihr Glück im Westen und landet als Putzfrau in der Lainzer Geriatrie, während es Paul und seinen Stiefvater arbeitsbedingt in die Ukraine verschlägt – sie „verdrehen“ kaputte Spielautomaten.
„Ich lache immer wieder viel. Der Humor und das Lachen spielen auch in meinen Filmen eine Rolle – auch beim Arbeitsprozess.“
Ulrich Seidl produzierte erstmals mit seiner eigenen Filmfirma und drehte während zweier Winter (in Sibirien hatte es bis zu 40 Grad unter Null); besetzt hat er abermals ein gemischtes Ensemble aus Schauspielern und Laien: Für den Film wurden über 1.500 Menschen gecastet – auf Straßen, in Gefängnissen, in Arbeitsamt-Schulungen, bei Bewährungshelfern. Seidls zweiter Spielfilm nach „Hundstage“ spielt in einer echten Geriatrie, in einem echten Kinderspital, in einer echten Internet-Sex-Agentur, in echten Roma-Slums, in einer echten Putzschule – und doch ist auch alles erfunden.
Dirk Stermann gibt in „Import Export“ einen Bewerbungs-Coach für gestrandete und mehr oder weniger hoffnungsreiche Existenzen, u.a. auch für den jungen „Film-Helden“ Pauli: „Lächle mehr als andere!“ bläut Stermann ihnen ein. Glauben Sie das ernsthaft: Kommt man mit einem Lächeln wirklich weiter? Sollte das ein Ratschlag an die nachkommende Film-Generation sein?
Nein! Sicher nicht! Das ist ein Zynismus, den die Wirtschaft benützt. Mein erster Film „Good News“ ist ein Film über Zeitungskolporteure; Da gibt es auch eine Schulung, in der sie aufgefordert werden, stets zu lächeln: Wenn sie lächeln, verkaufen sie besser – so wird ihnen eingetrichtert. In der Wirtschaft, im Verkauf mag das vielleicht funktionieren, beim Filmemachen aber sicher nicht. Da muss man nämlich Filme, die man gemacht hat, vorlegen, und das Lächeln ist hierbei völlig deplaziert – dadurch wird kein Mensch „weiter kommen“.
Wann haben Sie das letzte Mal gelacht?
Ich lache immer wieder viel. Der Humor und das Lachen spielen auch in meinen Filmen eine Rolle – auch beim Arbeitsprozess. Ich bin sehr froh, dass wir im Team und bei der Arbeit – es ist ja oft eine harte und langwierige Arbeit –, dass es immer wieder auch dazukommt, dass wir lachen – das ist ganz notwendig!
Können Sie sich vorstellen, jemals eine Komödie zu drehen?
Nein, in dem Sinn nicht. Aber ich habe es sehr gern, wenn es Szenen gibt, bei denen man lachen kann. Ich versuche ja auch und immer wieder, den Grat zwischen Komödie und Tragödie zu beschreiten. Und ich meine, dass man in meinen Filmen lachen kann, im nächsten Moment aber auch schon wieder weinen kann. Das ist eine gute Mischung, das macht es aus.
1958 titelte ein Schundroman der frühen Feministin Thyde Monnier, die oft mit Colette verglichen wurde, „Liebe – Brot der Armen“. Können Sie sich vorstellen, dass die Protagonisten ihrer Filme in einem Paralleluniversum zueinander finden und geglückte Partnerschaften leben?
Ich glaube, über das Liebesglück muss man keinen Film machen. Also, ich finde natürlich, dass das sehr schön ist – für jeden Menschen, den das „trifft“. Aber ich glaube, man muss Filme über die Sehnsucht und über Menschen machen, die versuchen, etwas zu bewältigen; die versuchen, aus ihrem Gefängnis auszubrechen; die mit etwas nicht zu Rande kommen. Unser Leben besteht hauptsächlich aus der Suche nach dem Glück und nicht aus ebendiesem.
„Ich beschäftige mich seit sehr langer Zeit mit dem komplexen Thema (Massen-)Tourismus. Dieses Thema ist für mich sehr wichtig.“
Herr Seidl, eine eigenwillige Kadrage ist Ihr bevorzugtes Stilmittel. Wie kamen Sie zu Ihrer deutlichen Handschrift, einer signifikanten Autorenschaft?
Das kann man sich nicht anlernen. Dafür braucht es eine Begabung, und auch einen Entwicklungsprozess. Allein die Begabung reicht aber nicht, man muss sich mit dieser auch auseinandersetzen. Wenn Sie „Good News“ ansehen, können Sie schon die Basis erkennen: Meine Filmsprache, die ist dort schon angelegt, und die habe ich dann sukzessive weiterentwickelt und zu einer gewissen Perfektion gebracht. In meiner Filmsprache reduziere ich das Wesentliche auf bestimmte Momente und mache die Dinge nicht durch den Schnitt „gefügig“.
Sprechen wir über die Produktion von „Import Export“: Als Kameramänner sind der mit Fotografieren unter Extrembedingungen Erfahrungen habende Österreicher Wolfgang Thaler („Workingman’s Death“, „Megacities“) und der amerikanische Indie-Veteran Ed Lachman („I’m not there“, „Ken Park“) gecredited. Wie hat diese Zusammenarbeit funktioniert?
Gut. Beide sind sehr warmherzige, charismatische Menschen, die sich menschlich sofort verstanden haben – das ist das Wichtigste. Es gab keine Konkurrenz, weil es gar nicht notwendig war. Jeder von ihnen war für eine eigene Aufgabe zuständig: Ed hat das Licht gemacht, und Wolfgang führte die Kamera. Insofern hat jeder seinen Aufgabenbereich gehabt, und sie haben sich wunderbar ergänzt.
Eine alte Dame singt in der Lainzer Geriatrischen Abteilung eine alte studentische Weise: „Ich hab’ mein Herz in Heidelberg verloren ...“ Könnte in einem Ihrer nächsten Filme das Lied „Wien, Wien: Nur Du allein!“ erklingen?
Na ja, das könnte so sein, es ist nicht auszuschließen – aber auf der anderen Seite ist das Lied sehr klischeebesetzt. Aber wenn Sie sehen, in „Import Export“ gibt es eine weitere – nicht unähnliche – Szene: Beim Faschingsfest in der Geriatrie singt ein Alleinunterhalter „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht zu ändern ist!“ Das ist vielleicht noch ein bisschen schärfer; auch sehr Wienerisch.