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Eden: Ist das Rezept aus der Brigitte?
„Radikalisiert das Leben“ – unter diesem Werbemotto von Viva Zwei wurde sie bekannt und das, was man im Maßstab der TV-Branche einen Mythos nennen kann: Charlotte Roche – Londonerin in Mönchengladbach, Schulabbrecherin mit Weltblick und Independent-Frau im Popkommerz. Über fünf Jahre moderierte sie „Fast Forward“, verteidigte ihre Konzepte auch nach dem Verkauf des Senders und betrieb im Kabelfernsehen Marketingverweigerung bis ihre Sendungen abgesetzt wurden. Der Bild-Zeitung, dem auflagenstärksten Blatt Deutschlands, gab sie trotz Drohungen dezidiert keine Interviews zu ihrem Privatleben.
Beim bissigen Harald Schmidt schmiss sie mit einer Lücke im Lächeln mal locker ihre Zahnprothese durch die Luft. Trotz Schauspielambitionen waren der 29-Jährigen mehrere Rollenangebote für Teeniekomödien eigenen Angaben zu Folge einfach zu blöde. Zwei Jahre nach ihrer letzten Abmoderation auf Viva startet sie nun aber wirklich im Kino: Sie präsentiert nicht nur wie bei der diesjährigen Berlinale-Gala, sondern ist selbst auf der Leinwand zu sehen.
„Eden“ heißt der dritte Langfilm von Michael Hofmann und auch die Figur, in der Charlotte Roche ihr Debüt gibt; als Kellnerin, einnickende Mutter und vernachlässigte Ehefrau im Schwarzwald; als Brigitte-Leserin, deren Leben sich durch die Freundschaft zum leidenschaftlichen Chefkoch Gregor (Josef Ostendorf) zum Besseren wendet – die sich aber selbst ihre Rezepte nach wie vor aus der Illustrierten holt. Strahlend schlemmt diese Eden nämlich unfassbar sinnliche Gerichte wie Schoko-Cola-Sauce oder gekochten Stier und lebt auf, während sich zwischen dem Küchenmeister und dem Gatten langsam, aber sicher ein alles verderbender Konflikt aus Eifersucht anbahnt. Hier asexueller 137-Kilo-Mann, der seine ganze Liebe in die Zubereitung seiner Speisen steckt, dort zotenreißender Stammtischbesucher Xaver vulgo Ehemann (Devid Striesow), der als Tanz- und Schwimmlehrer Seniorengruppen Leidenschaft entlocken soll. Dazwischen lächelt eine Frau, immer entzückend, und fragt nach Nachtisch. Ein Rollenwechsel ins harmlose Fernsehspiel?
„Radikalisiert“ ist der Zugang zum Essen hier sicher nicht. Weder geht es wie in der Palette jüngerer Filme zum Thema Ernährung darum, über die Unappetitlichkeit von Lebensmittelindustrie und Supersize-Service aufzuklären. Noch provoziert man mit hedonistischer Völlerei bis über den Höhepunkt hinaus – wie in der Skandalsatire „Das große Fressen“ aus dem Jahr 1973, in dem sich ein Freundeskreis an Sex und Schmaus zu Tode schuftete. Regisseur und Drehbuchautor Michael Hofmann erzählt vielmehr von der cucina erotica in der Provinz, inspiriert von einem realen Zwei - Hauben-Koch – da wird bei Tisch nun mal nicht gestöhnt, sondern selig gegrinst.
Der Machoattitüde beim Sex ist Charlotte Roche schon andernorts mit ihrem koboldhaftem Humor begegnet: auf einer Lesereise zum Thema „Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern“ etwa. Dagegen fällt die junge Mutter im aktuellen Film eher ein bisschen bieder aus, auf jeden Fall aber streichelweich. Im süddeutschen „Eden“ geht durch den Magen und den ganzen Körper halt vor allem anderen noch die Liebe.
Und in dieser steckt in der deutsch-schweizerischen Koproduktion schließlich das Detail, das den Unterschied macht. Darin erklärt sich, warum die widerspenstige Frau auch in Fernsehfilmästhetik ein gutes Bild abgibt und warum sie in „Eden“ nicht nur Verstellungsgabe, sondern auch Gespür für Stoffe beweist. Denn wenn „Eden“ besticht und berührt, dann durch die Liebe – zu Charlotte, aber fast noch wichtiger: zu seinen übrigen Figuren. Zum schwergewichtigen Gregor, der an seinem dicken Bauch arbeitete, seit er seine wunderschöne Mutter schwanger unter der Dusche sah; zur fünfjährigen Tochter Leonie, die Down-Syndrom hat, Schokolade aber gar nicht so schlecht verträgt wie alle immer dachten; und zum taubstummen Kellner Ludwig, der auch noch beim Autobahn-imbiss im Anzug serviert.
Alle zusammen wirken sie vielleicht naiv, sagen aber – ein wenig wie Björk in „Dancer in the Dark“ – einiges über Gewalt in unseren Dörfern. Egal ob im Verhältnis zu kehligen Witzen in der Kumpelrunde, „Freak Shows“ im TV-Programm oder einer Gesellschaft, in der über 90 Prozent der Embryonen mit Diagnose Down-Syndrom abgetrieben werden: Vielleicht ist „Eden“ ja gerade in seiner scheinbaren Naivität ein bisschen jenseits vom Mainstream. Und dieses Rezept ist ja eindeutig eines von Charlotte Roche.
Regie: Michael Hofmann
Kinostart: 4. Mai