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Nach der Hochzeit: Mit dem Mut zum Drama
1998 startete mit Thomas Vinterbergs „Festen“ der Prototyp des dänischen Dogma-Films in den Kinos. Kaum neun Jahre später ist dieses Stück Avantgarde zur Belustigung des kleinbürgerlichen Publikums im Wiener Theater in der Josefstadt angekommen. Dort steht „Das Fest“ nämlich seit Jänner diesen Jahres auf dem Spielplan. Auch wenn die Tage der Dogma-95-Bewegung gezählt sind und sich Dänemarks Filmemacher von Godfather Lars von Trier längst emanzipiert haben, so sind dabei nicht alle Werte von einst über Bord gegangen.
Jüngstes Beispiel: Susanne Biers „Nach der Hochzeit“. Mit Anders Thomas Jensen als Autor und Mads Mikkelsen in der Hauptrolle sind nicht nur die gegenwärtigen Aushängeschilder dänischen Filmschaffens mit im Boot, zusammen verkörpern sie überdies sowohl Kontinuität als auch Aufbruch. Die Zusammenarbeit der beiden lässt sich bis ins Jahr 1996 zurückverfolgen und hat uns schon kleine Meisterwerke wie „Dänische Delikatessen“ oder „Wilbur Wants to Kill Himself“ beschert.
In „Nach der Hochzeit“ schlüpft Mikkelsen in die Rolle von Jakob, der nach langen Jahren als Entwicklungshelfer in einem indischen Kinderheim nach Kopenhagen zurück muss, um einen ansässigen Unternehmer um finanzielle Unterstützung zu bitten. Dass sich im Aufeinandertreffen zwischen dem Idealisten und dem berechnenden Geschäftsmann bereits der zentrale Zündstoff der Geschichte abzeichnet, scheint zwar nahe liegend – vorhersehbar ist der Film aber dennoch nicht. Fragen sozialer Gerechtigkeit interessieren Anders Jensen nämlich herzlich wenig, stattdessen bohrt er sich, in guter dänischer Filmtradition, durch die Oberfläche etablierter Institutionen gesellschaftlicher Idylle.
Setzte er in „Adams Äpfel“ kürzlich noch den Hebel an der Standhaftigkeit eines protestantischen Pfarrers an, gilt seine Aufmerksamkeit diesmal der Bilderbuchfamilie des Unternehmers Jørgen (Rolf Lassgård), die es fortan kräftig durchbeutelt. Man könnte fast meinen, den Dänen sei ihr eigenes Lebensglück suspekt, immerhin verorten Umfragen seit über 30 Jahren gerade hier die zufriedensten Menschen der Welt. Dieser wonnigen Selbstwahrnehmung stellte die Dogma-Gemeinde eine ruckelige Kamera und wahnwitzige Close-ups entgegen, Stilmittel, die Susanne Bier in „Nach der Hochzeit“ nur noch dosiert und zweckgemäß einsetzt, deren Ursprünge aber unverkennbar bleiben.
Untypisch hingegen, die spärlichen humorvollen Momente, wie sie sonst in Jensens Geschichten stets in den schwärzesten Tönen sprießen. Umso höher anzurechnen ist dem Filmteam, dass es gelungen ist, auch ohne komödiantische Überzeichnung ein packendes Familiendrama in reichem Hause zu inszenieren, obwohl der Plot für sich genommen, durchaus ein wenig wie eine Rosamunde-Pilcher-Romanze ohne Pferde anmutet.
Trotz durchaus experimenteller Elemente hallt in „Nach der Hochzeit“ die Annäherung Dänemarks an Hollywood fühlbar nach. Nicht nur, dass der Film für den Auslandsoscar nominiert und sein Hauptdarsteller als Bond-Bösewicht im Einsatz war, auch Regisseurin Bier zieht es nach Kalifornien. Neben dem geplanten Remake ihres Films „Open Hearts“ (2002), dessen Drehbuch ebenfalls von Jensen stammt, arbeitet sie in ihrem aktuellen Projekt „Things We Lost in the Fire“ bereits mit Stars wie Halle Berry und Benicio Del Toro. Mal sehen, wie viel Dänemark dabei noch sichtbar bleiben wird.
„Nach der Hochzeit“
OT: „Efter bryllupet“
Regie: Susanne Bier
Kinostart: 27. April