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Langes Leben für kurze Filme
Die Digitalisierung bleibt aufgrund größer und billiger werdender Speicherkapazitäten ein Dauerbrenner im Kulturdiskurs. Nachdem die Musikbranche bereits von den Verheißungen der Nullen und Einsen gekostet hat, wollen jetzt auch die Kollegen von der Audiovision von der räumlichen und zeitlichen Entschränkung der Abrufbarkeit ihrer Werke profitieren. Im klassischen Filmgenre sind es vor allem Kurz- und Dokumentarfilm, die stets darunter gelitten haben, dass ihre Lebensdauer meist auf einige wenige Festivalvorführungen im Jahr reduziert war. Online-Plattformen versprechen nun aber „ein zweites Leben“ für diese Arbeiten. Auch die bevorstehende Diagonale in Graz widmet sich, dieser Entwicklung folgend, in ihrem Rahmenprogramm ausführlich den neuen Formen der Filmverwertung und Distribution.
Ähnlich, aber etwas anders gelagert sind die Interessen bei der nahen Verwandtschaft, der Videokunst. Auch hier kennt man das Problem der Kurzlebigkeit der Werke, doch scheinen die Interessenslagen etwas anders geordnet. Wenn am 9. März das Ursula Blickle Videoarchiv in der Wiener Kunsthalle seine Sichtungsportale für den freien Zugriff öffnet, geschieht das in erster Linie auf Initiative traditioneller Institutionen der bildenden Kunst selbst. Die Videokunst hat sich in den vergangenen Jahren innerhalb der bildenden Kunst als unverzichtbarer Bestandteil etabliert, eine Entwicklung vergleichbar mit dem Einzug der Fotografie in die Ausstellungshäuser Anfang der 90er, wie Katja Schröder von der Ursula Blickle Stiftung, die u. a. junge KünstlerInnen aus dem Bereich Gegenwartskunst fördert, erklärt. In der Kunsthalle Wien war dementsprechend der Wunsch groß, dem Medium einen dauerhaften Platz einzuräumen.
In Kooperation mit der Stiftung und der Universität für Angewandte Kunst entstand Ende 2004 im Keller, pardon, im Untergeschoss der Kunsthalle eine Videolounge, in der ein monatlich wechselndes Programm präsentiert wurde. Ab März soll diese Möglichkeit Videokunst zu genießen erheblich ausgebaut werden. Mehrere Touchscreens und sechs hochwertige Sichtungsstationen gewähren dann nämlich der Öffentlichkeit mittels Streaming-Server, freien Einblick in das knapp 1.000 Werke umfassende Videoarchiv, das sich aus Beständen der drei beteiligten Einrichtungen zusammensetzt und noch weiter anwachsen soll. Dieser archivarische Ansatz entzieht die Objekte einer Marktselektion, wie sie selbst idealistische Kurzfilmplattformen aufgrund begrenzter Kapazitäten wohl nicht verhindern können. Gleichzeitig tritt er aber auch einen Schritt kürzer und vermeidet rechtliche und finanzielle Auseinandersetzungen mit dem Verzicht auf ein Online-Service.
Eine ganz andere Frage tut sich im Bereich der adäquaten Wiedergabe auf. Viele Videos sind im Gegensatz zu Kurz- oder Experimentalfilmen nicht für die Single-channel-Betrachtung gedacht, sondern wurden konzipiert, um mit anderen Ausstellungsobjekten zu interagieren, um als Splitscreen dargestellt zu werden oder um auf eine von beiden Seiten betrachtbare Leinwand projiziert zu werden. Dass man der Vielfalt in der Videokunst nicht in all seinen Facetten gerecht werden kann, dessen ist man sich in der Kunsthalle Wien bewusst, man stellt aber auch klar, dass dies stets im Einvernehmen mit den KünstlerInnen passiert. Eigentlich kein Wunder, immerhin entsteht hier ein beispielloses Schaufenster, das dank des expliziten Arbeitsplatzcharakters einiger Sichtungsstationen schließlich auch recherchierende Kuratoren anzuziehen vermag. Mit dem Ursula Blickle Videoarchiv entsteht ein ambitioniertes und weitsichtiges Instrument, um die Erfassbarkeit und Zugänglichkeit der sich ständig neu definierenden Gegenwartskunst zu bewahren. Eine Möglichkeit wie sie in diesem Umfang dem Film – dem Kurzfilm im Speziellen – bisher versagt geblieben ist. Das Ursula Blickle Videoarchiv wird am 9. März 2007 (18 Uhr) in der Kunsthalle Wien eröffnet. Die Videosichtungsstationen stehen während der regulären Öffnungszeiten gratis zur Verfügung. Weitere Infos unter www.ursulablicklevideoarchiv.com und www.kunsthallewien.at.