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Into the Wild
I now walk into the wild, notiert der 22-jährige Christopher „Alex Supertramp“ McCandless (wild und zerbrechlich: Emile Hirsch) in sein Journal, das den schleichenden Niedergang festhält. „Into the Wild“: Der filmische Kraftakt vom großen Devianten Sean Penn formuliert den eskapistischen Way of Life quer durch die USA als Reise ans Ende der Zivilisation; Alaska ist vielleicht nicht gerade der beste Ort, um sich zu finden.
Der Reihe nach: Ein behütetes Elternhaus, finanzielle Sicherheit, eine außergewöhnliche Begabung und ein umwerfender Charme – eigentlich ist Christopher so etwas wie ein Vorzeige-Amerikaner mit glänzenden Zukunftsperspektiven: Das College hat er mit Auszeichnung absolviert, und ein Jus-Studium in Harvard hat er in der Tasche. Von heute auf morgen bricht er aus seiner privilegierten Existenz aus und lässt alles hinter sich: Chris spendet seine gesamten Ersparnisse der NGO Oxfam, zerschneidet seine Kreditkarten und seinen Sozialversicherungsausweis und macht sich auf, sein Leben neu zu erfinden. Er lässt seinen Wagen stehen und trampt ohne ein „Servus!“ und ohne einen Cent in der Tasche (sein letztes Bargeld hat er verbrannt) durch die Staaten, Richtung Alaska – Into the Wild! („Rather than love, than money, than faith, than fame, than fairness ... give me truth!“)
Unterwegs trifft er auf andere Aussteiger, die wie er am Rande der Gesellschaft leben und ihn die menschliche Nähe spüren lassen, die er bei seinen Eltern (Marcia Gay Harden, William Hurt) schmerzlich vermisste. Seine Sinnsuche endet tödlich: Chris stirbt am 18. August 1992 nahe dem Denali National Park – nach über hundert Tagen Wildnis. An Entkräftung? Den Hungertod? Dafür spricht sich der Bestseller-Autor Krakauer aus: Als man ihn in seiner spärlichen Behausung, einem mythenbildenden Bus (heute: Touristenattraktion) fand, wog der 24-Jährige nur noch 35 Kilogramm. Zynisch gefragt: Muss jede Welt-Flucht in der völligen Zernichtung der eigenen Person und Identität enden?
"There is pleasure in the pathless woods, There is rapture on the lonely shore, There is society where none intrudes, By the deep sea and the music in Its roar; I love not man the less, but nature more.“ Lord Byron
Chris deliriert durch das kristallin-klirrende Alaska: Die Einnahme der halluzinogenen „Eskimo-Kartoffel“ greift sein ohnedies geschwächtes ZNS an. Der Americana verpflichtet, fühlt sich der Eskapist Chris in einer Traditionslinie mit den sogenannten „Transzendentalisten“.
Der Transzendentalismus ist eine in der Mitte des 19. Jahrhunderts – unter dem Einfluss von Kant, Schelling und Coleridge – von Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau gegründete neuidealistische Bewegung, deren Vertreter sich regelmäßig in einem Gartenhaus in Concord (Massachusetts) zu Gesprächen trafen. Die Transzendentalisten traten für eine freiheitliche, selbstverantwortliche und naturzugewandte Lebensführung ein und wandten sich gegen das materialistische und übertrieben rationalistische Denken. Die wichtigsten literarischen Vertreter sind Emily Dickinson, Walt Whitman und Herman Melville.
Emerson flüchtete sich in ein Waldhäuschen: „In der Wildnis finde ich etwas Wertvolleres und Verwandteres als auf den Straßen und in den Dörfern. In der ruhigen Landschaft, und besonders in der weit entfernten Linie am Horizont, erblickt der Mensch etwas, das so schön ist wie seine eigene Natur.“ McCandless jedenfalls hat das Licht gesehen – er hat seine großen Vorbilder konsequent zu Ende gedacht.
„Vielleicht sollten wir noch den kürzesten Spaziergang im Geist eines unendlichen Abenteuers angehen, als wollten wir nie zurückkehren, als wären wir entschlossen, einzig unser einbalsamiertes Herz als Reliquie in unser verwaistes Königreich zurückzusenden. Wer bereit ist, Mutter und Vater, Bruder und Schwester, Weib, Kind und Freunde zu verlassen und nie wiederzusehen, wer alle Schulden bezahlt, ein Testament aufgesetzt sowie alle Angelegenheiten geregelt hat, wer also ein freier Mann ist, der ist gerüstet für einen Spaziergang.“ So Thoreau. Für Christopher McCandless war es eben nicht gerade ein Spaziergang.
Eddie Vedder begleitet die Unerbittlichkeit der Downward Spiral musikalisch, und Sean Penn führt seiner Filmografie ein Meisterwerk zu: Bravo! Der Imperativ muss lauten: „Into the Cinema!“