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AustroVision: Frei gesprochen
In einem kleinen Ort löst ein Kuss des sonst sehr korrekten Fahrdienstleiters Thomas Hudetz (Frank Giering) und der Studentin Anna (Lavinia Wilson) ein furchtbares Zugsunglück aus, das viele Leben auslöscht und das der beiden aus den Fugen geraten lässt. Die gemeinsame Schuld und die Lüge treiben sie in eine obsessive Liebe, die nicht nur ihr Leben dramatisch verändert.
Peter Payer versteht sich als Film-Handwerker – sein Können stellt er nun abermals unter Beweis: Tief verwurzelt in der „Austrianità“, transferiert er den Kleinbürgerkosmos der 30er-Jahre aus Ödön von Horváths Theaterstück „Der Jüngste Tag“ in ein zeitgemäßes Beziehungsgefüge, das durch die fatale Macht des Zufalls aus dem Gleichgewicht gerät.
„Freigesprochen“ wurde großteils im burgenländischen Seewinkel gedreht, auch auf dem Wiener Zentralfriedhof. In weiteren Rollen sind zu sehen: Corinna Harfouch (Thomas’ Gattin), Alfred Dorfer (Thomas’ Freund) und Robert Stadlober (Annas’ Freund). Der „Electronic Singer-Songwriter“ Florian Kmet besorgte den Titeltrack „Order Rain“, und Dorfers Leitmotiv stammt von der Grazer Sixties - Garage - Rock - ’n’ - Roll - Band „The Staggers“.
Nach „Untersuchung an Mädeln“ (1999), einer Adaptierung von Albert Drachs gleichnamigem Buch, „Ravioli“ (2003) nach Elementen von Alfred Dorfers Stück „heim.at“ und dem Kinderfilm „Villa Henriette“ (2004) nach dem gleichnamigen Buch von Christine Nöstlinger, beschäftigt sich der österreichische Regisseur erneut mit einer Literaturverfilmung. Freilich schätzt Payer die Vielfalt: Wir dürfen uns auf diesen und seine Folge-Filme (und die müssen nicht zwangsläufig auf literarischen Vorlagen basieren) freuen! Jetzt aber hat der „Freigesprochen“-Regisseur das Wort.
Worum geht es in Ihrem neuen Film „Freigesprochen“?
Ein Fahrdienstleiter lässt sich von einem jungen Mädchen kurz ablenken; Dabei begeht er einen Fehler, der 22 Menschen das Leben kostet. Wie gehen beide nun damit um? Im Grunde ist „Freigesprochen“ ein Drama um Verantwortung, Schuld und Lüge auf dem Gerüst eines Katastrophen-Films, das sich aber mit den „Auslösern“, mit der Befindlichkeit beider beschäftigt.
Auslösendes Moment ist ein „Zwischenfall“ – eine Verführung?
Also jeder kennt das – für den Fall, dass man Raucher ist und im Auto fährt und kurz die Zigarette auf den Boden fällt und man sich bückt, oder man wechselt eine CD oder man sucht eine Nummer im CD-Player oder im Radio einen Sender ... Und man hält sich vielleicht damit zu lange auf und schaut nach oben, und dann steht man vor einem Zebrastreifen und gefährdet drei Kinder. Das ist jetzt schon einigen ähnlich mal passiert – aber hoffentlich ging’s gut. Der Film beschäftigt sich mit Menschen, wo’s halt nicht gut gegangen ist. Die Ablenkung ist hier eine Form der Erotik – es ist ein Kuss zwischen den beiden, der weder geplant war, noch sich rasend fortsetzen würde, wäre die Katastrophe nicht passiert.
Ihre Vorlage fanden Sie bei Ödön von Horváth („Der Jüngste Tag“, 1936).
Mich interessiert eine Figur, die etwas auslöst und die damit leben muss – auch sich befreien und flüchten will. Natürlich hat man bei der Adaption einer Theatervorlage – zumal bei einem „Gott der Dramaturgie“ wie Horváth –, einen großen Respekt und fast ein bisschen Angst vor dem Anfangen: Aber selbstverständlich ist eine Adaption auch eine Selektion. Man fokussiert dann auf ein Thema innerhalb des Stücks, und das zeichnet man konsequent und so präzise wie möglich nach. Horváth baut dramaturgisch sehr filmisch. Was mich an seiner Figurenzeichnung begeistert, ist die Brutalität und gleichzeitig die Leichtigkeit und Wärme – seine Figuren lässt er in der schlimmsten Katastrophe noch Mensch sein.
Ist die „Schicksalsfrage“ nicht eine sehr Katholische?
Wir versuchen – und das ist bestimmt im Sinne des Autors der Vorlage –, jedes Angebot, das eine Religion in solchen Fällen machen würde, überhaupt nicht exklusiv zu behandeln. Die katholische Kirche offeriert die Beichte, mich hat aber interessiert: Wie geht es einem Menschen, der sich gar nicht erlaubt, dieses Angebot anzunehmen, und der auch gar nicht glaubt, dass er dann schuldfrei wäre. Der Tod der 22 ist ja nicht aus der Welt zu schaffen.
Gibt es einen „Königsweg“ österreichische Geschichten zu erzählen, die international funktionieren?
Das war mein Weg, das habe ich bei „Freigesprochen“ versucht: Eine Geschichte, die ihren Ursprung in Österreich hat (sowohl bei Horváth, als auch bei mir), aber ent-ortet ist. Ich zeige eine Landschaft, die zwar hier ist, aber genauso gut die Lüneburger Heide, die Bretagne oder die Sierra Nevada sein könnte. Es geht um die Nähe zu einer Urbanität, die aber weit genug weg ist, um nicht wirklich im Alltag zu greifen. Eine Natur, die eine Form von Unendlichkeit hat, die also keine topografische Hürde aufweist: Wenn sie wollten, hätten die Zwei weggehen können. Das nützt aber nichts, weil sie dem Geschehenen nicht entkommen würden.
In Österreich dominieren die „Autorenfilmer“?
In Österreich hat sich – wie auch in anderen kleinen Filmnationen – diese Struktur des Autorenfilmers entwickelt. Diese Kultur hat bei uns verschiedenste Gründe und macht auch das österreichische Filmwerk in den letzten 20–30 Jahren aus. Das hat vielleicht auch mit dem Rhythmus, mit dem man hierzulande Filme macht, zu tun – etwa alle vier Jahre: Da ist man schon gut. Ich hingegen sehe mich eher als Regisseur, der bei seinen Filmen immer mitgeschrieben hat. „Freigesprochen“ ist der erste Film, den ich alleine geschrieben habe, aber eine Dramaturgin war vom ersten Treatment bis zum Schluss dabei. Ich habe sehr gerne ein Vis-à-Vis, weil ich eher ein Freund eines distanzierten Auges bin, das auch nochmal d’raufschaut.
Wie beurteilen Sie die Kultur-(Politik) in Österreich?
Warum gibt es bei uns keine kulturpolitische Anerkennung des Films als „wichtig“? Und wir reden von einer „Kulturnation“ – scheinbar. Der österreichische Film wird bei uns sehr selten dort hingerückt, wo er eigentlich hingehört: Im Ausland ist er nämlich sehr erfolgreich – das ist nicht selbstverständlich! Ganz egal, welche Couleur das jetzt parteipolitisch ist: Bis jetzt hat es noch keine Partei geschafft, das zu erkennen – das allein würde schon sehr viel bewirken. In anderen Ländern ist das gelungen – woran es liegt, weiß ich nicht. In Österreich gehen täglich an die 12.000 Menschen in deutschsprachiges Theater, mit ähnlichen Stoffen wie wir – zum Teil mit identen Schauspielern. Warum schaffen die nicht den Weg ins österreichische Kino? Das ist, was die Branche seit Jahren massiv beschäftigt und beschädigt. Und ich glaube schon, dass es eines Statements der Kultur-Politik bedarf, den österreichischen Film auch bei Theaterinteressierten akzeptabel zu machen, dass die merken: „Hoppla, Film ist ja auch etwas, das uns interessieren könnte!“