|
|
||
|
|
|
WERBUNG Online-Games |
Helge Schneider: Das ist Provozierung!
„Der Papst küsst ein Kind / und ein Raumschiff zerschellt / was ist denn das für eine erbärmliche Welt / I brake together ...“
Mit einem handfesten Konzeptalbum meldet sich nach jahrzehntelanger Nichtabwesenheit ein Künstler zurück, von dem viele sagen, er sei einer der Allerlustigsten überhaupt, wenn nicht der Zweitlustigste neben Harald Schmidt, der sich aber angeblich in Kommerz und Alterszynismus geflüchtet hat.
Es ist, wie man unschwer erkennen kann, eine gesellschaftskritische Musik, die Helge Schneider auf seiner bis dato reifsten Platte (sagt man heute aber nicht mehr) vorlegt, voll zarter Reminiszenzen auf legendäre Großtaten („Texas“!), aber auch berührender Hommagen, um nicht zu sagen: Persiflagen an/auf prägende Mitstreiter wie Udo Lindenberg („Pinguine können nicht fliegen“).
Auch um Klassiker wie „Fly Me to the Moon“ oder den „Jailhouse Rock“ werden letztlich keine großen Bögen gemacht. Warum denn auch, wenn man alles kann und den Job noch dazu gerne macht? Unverdrossen setzt der Meister am Ende mit „Interview“, dem wohl musikalischsten Stück des Ganzen, noch eins drauf: „Das ist Provozierung!“ Unschwer lässt sich Selbstironie erkennen, wenn hier ein Kritikprofi befindet: „Diese Formulierung wird dich eines Tages den Nobelpreis, äh, kosten.“ Brake heißt übrigens Bremse und nicht brechen, also grammatikalisch ist der Titel wirklich mutig, Wahnsinn eigentlich.
Und so könnten wir elogenmäßig endlos fortfahren. „I Brake Together“ geht jetzt nämlich auf Tournee, also Schneider fährt damit durch den deutschen Sprachraum, und in einer Zeitung haben wir gelesen, dass er zwischen dem Singen und Musizieren fast nichts, noch weniger denn je macht, aber was soll man sagen: Bei Helge Schneider war das Machen noch nie ein Thema, und vielleicht fällt ihm für die kommenden Konzerte ja auch noch Neues ein, sprudelnder Quellborn der Ideen, der er ist! Wir hingegen müssen unter Vorgabe immenser Textkürze (5.000 Zeichen) an dieser Stelle auch noch berichten, dass Helge Schneider zuletzt wieder einmal in einem Film mitgespielt hat. Es ist eine Komödie über einen berühmten Diktator geworden, so viel kann man verraten, und leider findet ihn der Superstar selbst nicht ganz so großartig.
Tatsächlich ist „Mein Führer“ ein Nebenwerk, eine Petitesse, zumindest im Vergleich mit dem besten Schneider-Film aller Zeiten, den man derzeit auf Spitzensendern des deutschen Privatfernsehens immer wieder sehen können sollte. Er heißt „Ich bin kein Nazi! Hitlers Alleinerbe Alfons Hitler-Bergedorf im Gespräch mit Alexander Kluge“.
Und hier kommt es nun zu einer denkwürdigen Dialogpassage, in der Helge Schneider erstmals mehr denn je über seine Arbeitsweise verrät, nichts weniger als die durchaus irritierende Weltanschauung eines Mannes, der soeben übrigens auch schon wieder ein Buch veröffentlicht hat: Es ist ein Taschenbuch geworden, hat den schönen Titel „Die Memoiren des Rodriguez Faszanatas. Bekenntnisse eines Heiratsschwindlers“ und ist voll doppelbödiger Wendungen wie „Sie schlief in ihrer eigenen Kotze“. Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja:
Kluge: Sie wurden zuletzt in einem Spielfilm, einem deutschen Spielfilm, gegen Gage, engagiert. Sie spielen Ihren Großonkel. Wie spielen Sie den? Wie legen Sie den an?
Hitler-Bergedorf: Ja, normal.
Kluge: Aber Sie sehen ihm doch nicht ähnlich.
Hitler-Bergedorf: Nein, aber das kriegen die alle hin da vom Film, das ist schon fast wie Hollywood. Als Normaler irgendwie kannst das ja gar nicht begreifen, was die mit einem machen da, das ist unglaublich. Das können sie gar nicht begreifen.
Kluge: Was machen die?
Hitler-Bergedorf: Ja, du siehst nachher ... du kommst und gehst in die Maske und siehst nachher ganz anders aus.
Kluge: Ach. Und dann geht man in die Szene, die anderen ..., alle spielen einen an ...
Hitler-Bergedorf: Ja, die spielen gar nicht, die leben das, glaub ich.
Kluge: Und plötzlich ist man es.
Hitler-Bergedorf: Ja. Genau. Komisch.
Kluge: Man springt zurück über drei Generationen in Ihrem Fall. Denn als Großgroßneffe, sind es ja drei Generationen.
Hitler-Bergedorf: Ja, ich weiß jetzt nicht, ob das ein Zurückspringen ist. Ich weiß nur ..., also ich bin ja so ein Gefühlsmensch, ich habe da gar nicht jetzt dran gedacht, an Springen.
Ist es nicht tatsächlich dieses Nicht-dran-Denken des Gefühlsmenschen Schneider, das uns immer wieder aufs Neue fasziniert? Mögen andere auf Pointenjagd gehen: Dieser Mann lebt, nicht dran denkend, gelassen im Vorfeld der Pointe, in hohen Niederungen, in denen der Witz noch nicht weiß, dass er einmal ein Ende haben muss.
Zurück bleibt man als Leser/Hörer/Betrachter mit jener zarten Trauer vor dünnen, leckeren Süppchen oder sexy Käsebrot, die Helge Schneider wie kein anderer in Worte zu fassen vermochte, als er seine „Bekenntnisse eines Heiratsschwindlers“ mit folgendem Satz beendete: „Her mit dem Tod!“ Trotzdem wird man wohl noch viel von ihm hören.
Helge Schneider ist zur Zeit in Dani Levis „Mein Führer“ in den Kinos zu sehen. Sein neues Album „I Brake Together“ ist bei EMI Music erschienen. Für Mai sind einige Livetermine angesetzt.