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Stimmungsvolle Schauermär
Nunmehr vollführt Harris den Sprung hin zum Trash, nämlich zum eigentlichen Ausweiden einer etablierten Markenfigur mit spekulativer, jedenfalls sensationalistischer Prägung. Im Prequel „Hannibal Rising“ hängen nur wenige Sätze am Innenleben Lecters, der Schwerpunkt liegt auf dem Effekt des Affekts: wie der lebensfrohe litauische Bub im Weltkriegskrawall seine Familie verlor, wie ihm Söldner selbst noch seine Schwester Mischa nahmen.
Harris’ Schreibe ist konzentriert und abgehackt; Aufzählung von oberflächlichen Ereignissen unter Vermeidung von überflüssigem Sentiment; das Ergebnis ist kalt. Im Februar erreicht die Verfilmung die heimischen Kinos: Ästhet Peter Webber („Das Mädchen mit dem Perlohrring“) wollte seine Karriere umleiten und verschrieb sich dem Schönzeichnen des Hässlichen. Die Erzählung von Lecters Kindheit glückt: Klug beschränkt er sich auf jene gewaltigen Zeichen, die den späteren Handlungsverlauf bestimmen – Blut und Federn kleben an Lippen.
Die Lokalisierung des Geschehens mag ungewöhnlich erscheinen, doch die Randdaten stimmen. Eingebettet in Hitlers Ost-Feldzug besieht man die Geburt eines Monsters im Schoß Zentraleuropas: ein Sinnenwesen, nicht ganz ohne Gefühle, welches später bei Lady Murasaki, der japanischen Frau seines Onkels, am französischen Land aufwächst. Harris’ Puzzle wird klarer und Webber strafft seinen Film stärker, hüpft von einer maßgeblichen Begebenheit zur nächsten.
Die psychologisierende, vermittelnde Haut des Romans streift der Regisseur ab und präsentiert seinen „Hannibal Rising“ als eine nicht immer stimmige, aber stimmungsvolle Schauermär: Der Franzose Gaspard Ulliel betreibt derweil famose Mimikry, kopiert Hopkins’ Lecter-Interpretation bis auf den dauernd grinsenden Mund. Murasaki (Gong Li) lehrt ihn das Wertschätzen olfaktorischer Reize, lehrt ihn den abstrakten Begriff der Familienehre. Wir lernen: Hannibal Lecter war in seiner Jugend ein Wannabe-Samurai mit Wut im Bauch und einem Schwert in der Hand. So entstehen Schurken!
Webbers Film jedenfalls macht anschaulich, was lange schon beobachtbar ist: Geschichten, die vor ein, zwei Jahrzehnten von einem A-Film-Regisseur nicht einmal mit einer Kneifzange angerührt worden wären, werden mittlerweile als anspruchsvolle Blockbuster verkleidet: Vulgärpsychologie wird zum neuen Trojanischen Pferd der Trash-Kultur. „Hannibal Rising“ ist im Film, mehr noch als im Buch, ein so gut wie vollkommenes Gruselmärchen mit sympathischem Hang zum Irrsinn, einer angenehmen Besetzung und reichhaltigen Gore-Effekten. So sieht Splatter-Kino im dreireihigen Anzug aus.
Regie: Peter Webber
Verleih: Tobis Film
Kinostart: 16. Februar 2007