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Kenneth Anger: Ein Hexenkessel Buntes
Mit zarten 20 Jahren hat Anger sein „Fireworks“ (1947) gedreht: ein somnambuler Traumaufbau, errichtet innerhalb von drei Tagen im elterlichen Wohnzimmer. Der Filmemacher selbst erwacht in einem Bett, betritt durch eine Tür mit der Aufschrift „Gents“ eine Fieberwelt, in der er von Navy-Matrosen verprügelt wird. Blut spritzt aus seiner Nase, Milch rinnt in Zeitlupe über seinen nackten, geschundenen Körper, mit einem Flaschenhals wird sein Bauch aufgerissen, unter dem Gedärm liegt ein Messgerät anstatt des Herzens. Wenig später wird er die „Fireworks“ in seinem Hosenschlitz entzünden ...
Angers Film war in Inhalt und Form bahnbrechend. Der Sexualforscher Kinsey hat sich eine Kopie des Films gesichert, der französische Poet und Regisseur Jean Cocteau (sein „Le sang d’un poète“ hat Anger offenkundig inspiriert) hat ihn kurzerhand nach Paris eingeladen. Dort ist „Rabbit’s Moon“ (1950) entstanden, eine Commedia dell’arte in Mondblau, unterlegt mit Doo-Wop-Musik und gebaut um das Faszinosum der Laterna magica, einer optischen Projektionsvorrichtung, die im 19. Jahrhundert zum Bilder werfenden Massenmedium geworden ist.
Keiner von Angers Filmen, die in seiner produktivsten Phase bis 1972 entstanden sind, hat Dialog. Der Zuschauer wird zurückgeworfen auf seinen Körper selbst, während der Regisseur seine Attacken auf das Sensorium reitet. Der hypnotische, farbenpralle Mystizismus, der allen seinen späteren Filme zu eigen ist, stellt sich zum ersten Mal in „Inauguration of the Pleasure Dome“ (1954) ein: Knatterbunt feiern sich darin mythologische Figuren zugrunde. Anger, selbst Freund und Konsument diverser wahrnehmungserweiternder Substanzen, hat seinen „Lustdom“ 1966 in einer „Sacred Mushroom Edition“ neu aufgelegt – der Film ist im studentischen Umfeld zum bevorzugten Hintergrund für LSD- und Schwammerl-Trips geworden.
Der Weg in den Untergang
Der ritualisierte Tod ist auch in seiner Großtat „Scorpio Rising“ (1964) Ankerpunkt. Anger montiert sein okkultes Labyrinth aus Zeichen und Symbolen in die von ihm fetischisierten „Jungen Wilden“: Brando und Dean schauen lüstern von den Wänden, ein Biker steckt sich Ringe auf die Finger, Motoren heulen zum Fifties-Pop, Totenköpfe, Hakenkreuze und die Hitler-Visage weisen den Weg in den Untergang. Nach einem Gelage mit Blowjob und Arschfick wird eine Kirche entweiht und zum Teufel gebetet. Gleich darauf verunglückt ein Motorradfahrer tödlich.
Anger zeigt sich damals schon stark vom britischen Mystiker Aleister Crowley beeinflusst: „Invocation of My Demon Brother“ (1969) ist ein zusammenhangloses Reizlabyrinth aus delirierenden Farben und subliminalen Bildern. „Demon Brother“ hat Crowley auch „das höhere Selbst“ genannt, in das man aufsteigen muss, um seinen „wahren Willen“ überhaupt zu verstehen. Angers Film ist eine fiebrige Selbstbegehung: Bobby Beausoleil ist die einzige wiedererkennbare Figur, ansonsten steuern Teufelsanrufung, Aufnahmen von einem Albino und ein blitzendes Messer aufs Unterbewusstsein zu.
Nach 1972, in dem der knapp halbstündige „Lucifer Rising“ als Crowleyiten - Zeremonie an verschiedenen heiligen Orten der Welt entstanden ist (Luzifer sollte als Lichtträger und somit als Schutzpatron des Kinos etabliert werden), hat sich Kenneth Anger für beinahe 30 Jahre ausschließlich der Konservierung und Alternierung seiner bestehenden Arbeiten verschrieben. Seit dem Jahr 2000 ist der Regisseur wieder als Filmemacher tätig. Lange musste das Kino auf seinen verführerischsten Beschwörer warten.
Kenneth Angers „Ich Will!“ und das Performance-Projekt „Technicolor Skull“ sind am 30. April beim Donaufestival zu sehen.
Proberaum 1030 für Schlagzeuger und AkustikerBuchungen und Anfragen über [email protected] ODER069981446142
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