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1 Mord für 2: Falsches Spiel mit Milo Tindle
Schon die Eröffnungssequenz ist perfekt choreografiert: Auf einem Flachbildmonitor, vor dem schemenhaft eine Person zu erkennen ist, werden schwarz-weiße Bilder von Überwachungskameras sichtbar, die ein kleines Auto dabei verfolgen, wie es sich einem abgelegenen englischen Landhaus nähert und schließlich vor diesem zum Stehen kommt. Aus der Vogelperspektive sieht man einen Mann, der aus dem Auto steigt und auf das Haus zugeht. Die Person vor dem Monitor erhebt sich.
Wieder aus der Vogelperspektive sieht man, wie sich die Tür öffnet, worauf der Ankömmling das Haus betritt. Der Hausherr, Andrew Wyke (Michael Caine), ein älterer, sehr erfolgreicher Krimi-Autor trifft zum ersten Mal den jungen, gut aussehenden, aber mittellosen Milo Tindle (Jude Law), den Liebhaber seiner Frau, der gekommen ist, um die Scheidung für seine Geliebte einzufordern. Wyke scheint nichts dagegen zu haben, sich von seiner Frau zu trennen, hat er doch selbst eine junge Geliebte. Wyke unterbreitet Tindle einen Vorschlag: Da seine liebe Gattin dem Luxus sehr zugetan sei, den ihr Tindle nicht bieten könne, und Wyke verhindern wolle, dass die Gattin daraufhin zu ihm zurückkehre, und um sich die teure Scheidung leisten zu können, solle Tindle in das Landhaus einbrechen und ein Diamanten-Kollier im Wert von einer Million Pfund aus dem Safe stehlen.
Während Wyke das Geld von der Versicherung kassiere, könne Tindle das Kollier dann im Ausland verkaufen – ein Hehler sei schon kontaktiert. Die Frau und das Geld, das sei doch ein faires Angebot. Nach anfänglichem Zögern willigt Tindle ein und macht sich daran, den Plan in die Tat umzusetzen. Doch im Haus eingebrochen, erwartet ihn eine Überraschung, Andrew Wyke spielt ein falsches Spiel, hat er doch niemals daran gedacht, Tindle seine Diamanten und seine Frau zu überlassen, sondern vielmehr Satisfaktion für seine gekränkte Männlichkeit im Sinn gehabt. Aber auch Tindle hat noch ein As im Ärmel.
Der Film basiert auf dem Theaterstück „Sleuth“ (dt: „Revanche“) des Briten Anthony Shaffer aus 1971. Bereits 1972 wurde es von Joseph L. Mankiewicz ebenfalls unter dem Titel „Sleuth“ (dt: „Mord mit kleinen Fehlern“) verfilmt und avancierte zu einem Kultfilm im Genre des skurrilen, britischen Krimis. Schon in dieser Verfilmung wirkte Michael Caine mit, dort aber in der Rolle des jungen Liebhabers Milo Tindle, während Laurence Olivier den gehörnten Krimi-Autor gab. Mit der aktuellen Verfilmung schlüpfte Jude Law nach seiner Darstellung des Lebemanns „Alfie“, 2004 im Remake des gleichnamigen Films von 1966, nun schon zum zweiten Mal in eine Rolle, die einst von Michael Caine verkörpert wurde.
Von Law ging auch die Initiative zum Remake von „Sleuth“ aus. Er selbst fungierte als Produzent. Für die Regie konnte er mit Kenneth Branagh einen Spezialisten für Theaterverfilmungen gewinnen, der in der Vergangenheit vor allem mit Shakespeare-Stücken auf der Leinwand reüssieren konnte. Der Literaturnobelpreisträger von 2005, Herold Pinter, adaptierte Shaffers Zwei-Personen-Stück für den Film.
In einem raffinierten Katz-und-Maus-Spiel, indem die Rollen der Katze und der Maus ständig wechseln, liefern sich Michael Caine und Jude Law verbale Gefechte, wobei Waffen auch keine ganz unwesentliche Rolle spielen. Was den Handlungsverlauf betrifft, so weicht die Neuverfilmung vom Original erst gegen Ende hin stärker ab. Im Inneren des alten Landhauses, das bei Mankiewicz mit furchteinflößenden, bizarren Jahrmarktspuppen, barocken Statuen sowie altem Blech-Spielzeug vollgestopft war, tut sich nun eine hochtechnisierte, minimalistische Konstruktion aus Stahl, Glas und Beton auf, die von fernbedienbaren Leuchten vorzugsweise in blaues Licht getaucht wird und jeden James-Bond-Bösewicht vor Neid erblassen ließe.
Das Zentrum bildet ein gläserner Aufzug, der direkt in ein Schlafzimmer führt, indem die schlimmsten Albträume vorprogrammiert scheinen. Die Puppen sind zu Stahlskulpturen, im besten Fall zu Ankleidepuppen mutiert, ebenso wie der exzentrische Krimi-Autor vom Homo Ludens zum Homo Technicus geworden ist. War die von Laurence Olivier verkörperte Figur ein verschrobener Kindskopf mit einer Obsession für Rätsel aller Art, so scheint der nun von Michael Caine dargestellte Charakter ein Faible für Elektronik und Überwachungstechnik zu haben. Überall inner- und außerhalb des Hauses befinden sich Überwachungskameras, die ihre Bilder auf Monitore im Haus übertragen. Ein besonderes Vergnügen bereitet der Einbruch Tindles, bei dem der Zuschauer gemeinsam mit Wyke auf dessen Tablet-PC beobachtet, wie dieser ins offene Messer läuft.
Die Bilder werden mittels Nachtsicht-Kamera geliefert. Die Kommunikation zwischen den beiden Protagonisten erfolgt via Headsets. Vor allem die erste Hälfte des Films dominieren in Kenneth Branaghs Inszenierung ungewöhnliche Blickwinkel und optische Spielereien. Die beiden Kontrahenten sind aus ungewöhnlichen Perspektiven, via Überwachungskameras, durch Spiegel, Jalousien oder Gläser zu sehen, teilweise nur auszugsweise oder abgeschnitten. Obwohl diese Umsetzung sehr manieriert daherkommen könnte, setzt sie doch perfekt die scharfen Wortgefechte der Protagonisten in Szene. Zudem ist der Film gespickt mit Zitaten und Anspielungen auf Mankiewicz´ Verfilmung. War Tindle dort Friseur, während er hier ein arbeitsloser Schauspieler ist, so meint Wyke auch in der Neuverfilmung, seine Frau habe ein Gspusi mit einem Friseur.
Bezüglich der Handlung, die immer wieder überraschende Volten schlägt, sei hier gar nicht zu viel verraten, das würde die Lust am Sehen schmälern. Nur so viel: Am Ende der ersten Halbzeit dieses mörderischen Spiels fällt ein Schuss, der die Karten wieder neu mischt. Obwohl der Film in der zweiten Hälfte an Tempo verliert und etwas zu theaterhaft gerät, bietet er doch kurzweiliges Vergnügen auf höchstem schauspielerischen Niveau. Vor allem Michael Caine als narzisstischen Krimi-Autor ist es eine Freude zuzusehen – ganz besonders, wenn er die Fäden in der Hand hält.
Jude Law
Der 1972 geborene Brite gab 1994 mit „Shopping“ sein Leinwanddebüt. Den internationalen Durchbruch feierte er 1997 in dem Science-Fiction-Thriller „Gattaca“. Es folgten u.a. Filme mit David Cronenberg („eXistenZ“, 1999) und Anthony Minghella („Der talentierte Mr. Ripley“, 1999). Law konnte als Playboy „Alfie“ ebenso überzeugen, wie als irrer Killer in Sam Mendes´ „Road to Perdition“ oder als Cyborg in Steven Spielbergs „A.I. – Künstliche Intelligenz“. Zuletzt war er in Wong Kar Wais „My Blueberry Nights“ zu sehen.
Michael Caine
1933 in London geboren, kam Caine in den 50er-Jahren zum Film, schaffte aber erst 1964 mit „Zulu“ den Durchbruch. Mittlerweile kann er auf ein Œuvre von mehr als hundert Filmen zurückblicken, wobei mit John Hustons „Der Mann, der König sein wollte“ (1975), Neil Jordans „Mona Lisa“ (1986) und der John-Irving-Verfilmung „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ (1999) nur einige genannt seien. Demnächst ist er in Christopher Nolans Batman-Sequel „The Dark Knight“ abermals in der Rolle des Dieners Alfred zu sehen.
Regie: Kenneth Brannagh
Darsteller: Jude Law, Michael Caine
Verleih: Filmladen
Start: 1. Mai 2008