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Boys will be boys
Manchmal haben die Coens Lust auf große Gesten. Dann springt ein Mann durchs geschlossene Fenster von einem Wolkenkratzer ("The Hudsucker Proxy") oder eine riesige Flutwelle spült die Kulisse weg ("O Brother, Where Art Thou?"). "In Burn After Reading" (deutscher Untertitel: "Wer verbrennt sich hier die Finger?") zoomt sich die Kamera aus dem Weltall in die Handlung und landet in Washington D.C. So beginnen Agententhriller, Filme, in denen die Planspiele einiger weniger die Menschheit bedrohen. Oder Filme, die bewusst eine falsche Fährte legen.
Und um so einen handelt es sich hier. Denn "Burn After Reading" ist eine Ehebruchskomödie, eine Scheidungsfarce, ein Beziehungsreigen, eine Genresatire, dieser Film ist alles Mögliche. Aber ein Agententhriller ist er nicht. Das komödiantische Prinzip beruht hier darauf, dass sich auch die Figuren selbst in einem Agententhriller wähnen. Und da wird es kompliziert.
John Malkovich, der das erste Mal mit den Coens zusammenarbeitet, spielt Osborne Cox, einen CIA-Agenten in mittlerer Position. Als Osborne wegen eines Alkoholproblems gefeuert wird, beginnt er seine Memoiren zu schreiben. Einige pikante Details aus dem Büroalltag sollen dafür sorgen, dass sein Vorgesetzter (J.K. Simmons) die Kündigung bereut.
Doch während er im Keller fieberhaft tippt, plant Mrs. Cox (Tilda Swinton), heimlich die Scheidung. Nach der Eiskönigin in "The Chronicles Of Narnia" und der achselfleckigen Karrieristin in "Michael Clayton" gibt Tilda Swinton hier einmal mehr den unterkühlter Controllfreak. Auf Anraten ihres Anwalts kopiert sie sämtliche Daten von der Festplatte ihres Gatten, und so gerät die CD-Rom mit dessen Lebenserinnerungen in die Handtasche einer Sekretärin und von dort in die Damenumkleide des Fitnessstudios Hardbodies.
Mit seinem Neonlicht, der lauten Musik und den knallroten Mitarbeiter-Dressen, stellt Hardbodies den proletarischen Gegenpol zum ganz in Erdtönen gehaltenen Cox‘schen Upper-Class-Mansion dar. Trainer Chad Feldheimer (Brad Pitt mit albernen blonden Strähnchen) und Linda Litzke (Frances McDormand mit Perücke) finden die Disc und sie versuchen, mit den scheinbaren Geheimunterlagen eine Erpressung zu landen: Feldheimer aus sportlichem Ehrgeiz, Schönheits-OP-Junkie Litzke, weil sie sich mit dem Geld chirurgisch "neu erfinden" will. Überzeugt von der Brisanz des Dokuments, können die beiden gar nicht fassen, dass Cox auf ihre Annäherungsversuche mit einem Faustschlag statt mit 50.000 Dollar reagiert.
George Clooney ist als Harry Pfarrer ein Reisender zwischen Upper- und Workingclass - Milieu. Er hat ein Verhältnis sowohl mit der eleganten Kinderärztin Katie Cox als auch mit Linda Litzke aus dem Fitness-Studio. Was Frauen betrifft, scheint er nicht weiter wählerisch, Hauptsache sie bewundern und verwöhnen ihn. Nach außen ganz hartgesottener Beau, der als Personenschützer gern mal die Waffe unter dem Jackett hervorblitzen lässt, wird er in Krisen zum weinerlichen Buben, der getröstet werden will.
In der Plotstruktur funktionieren die Herren Pfarrer und Cox, gespielt von Clooney und Malkovich, wie Spiegelbilder: beide sind sie beruflich weniger erfolgreich als ihre Frauen und werden ihm Verlauf des Films nicht zuletzt deshalb verlassen. Aber schwache Männer gab es bei den Coens immer schon zuhauf, mit Billy Bob Thornton in "The Man Who Wasn’t There" als König der Schwachmaten.
In "Burn After Reading" bekommt diese Schwäche, wie auch die Stärke der Frauen, eine neue Qualität. Beide Paare, Cox und Pfarrer, obschon Ende Vierzig, sind kinderlos. Statt in die Mutterrolle zu schlüpfen, haben Sandy Pfarrer (Elizabeth Marvel) und Katie Cox ihre Karriere auf den Kindern anderer Leute aufgebaut. Pfarrer ist als Kinderbuchautorin erfolgreich. Swinton arbeitet als Kinderärztin. Beide machen sie keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen die lästigen Bälger.
Filmkritiker Emanuel Levy, bemerkte schon 1999 in seinem Standardwerk zum US-Indie-Kino, "Cinema Of Outsiders: The Rise Of American Independent Film", dass die Coens "ihre Figuren schon immer mit Geringschätzung behandelt haben, sie mitleidslos manipulierten und wegen ihrer albernen Dummheit hassten". Das ist überspitzt formuliert, doch in "Burn After Reading" bringt das Drehbuch seinen Figuren tatsächlich wenig Wärme entgegen. Am härtesten trifft es diesmal aber die Upperclass-Karrierefrauen, die noch weniger sympathisch wirken als ihre vertrottelten Männer. Man könnte die Haltung der Coens als konservativ lesen. Doch im Kontext ihrer übrigen Filme greift das zu kurz. Schließlich waren Mutterschaft und Kinder für die Brüder schon immer höchst abstrakte Topoi. Gerade gut genug, um absurde Verkaufskampagnen darauf aufzubauen – man denke an den Erfinder des Hula Hoop-Reifens in "The Hudsucker Proxy", dessen Slogan: "You know, for kids!" mittlerweile der größten Coen-Internet-Fansite als Adresse dient (youknow-forkids.com).
Nein, die Kinderlosigkeit findet vielmehr Ersatz in einer anderen, devianten Mutter - Kind - Beziehung: derjenigen zwischen Frauen und Männern, in denen die Männer in die Rolle des liebesbedürftigen Kindes schlüpfen.
Filmkritiker Levy bemerkte schon 1999, dass die Coens "ihre Figuren schon immer mit Geringschätzung behandelt haben, sie mitleidslos manipulierten und wegen ihrer albernen Dummheit hassten".
Auch Brad Pitt, der als Hardbodies-Trainer Chad Feldheimer mit Bürstenfrisur und knallbunter Kleidung wirkt wie Mitte Zwanzig, lässt sich gerne von Frances McDormand alias Linda Litzke bemuttern. Sie ist es, die seine vagen Erpressungsideen professionalisiert, und als Chad bei einer Geheimmission verschwindet, alle Hebel in Bewegung setzt um ihn wiederzufinden.
Mehr noch als in früheren Filmen erweisen sich die Männer in "Burn After Reading" hinter einer virilen Fassade als "Soggy Bottom Boys" ("Jungs mit feuchtem Hosenboden"); so der Name des Country-Trios in "O Brother, Where Art Thou", zu dem neben Tim Blake Nelson und Coen-Regular John Turturro auch George Clooney gehörte. In allen Altersstufen, vom blonden Pitt, über den ergrauten Clooney, bis zum glatzköpfigen Malko-vich bedürfen sie weiblicher Pflege.
Einzige Ausnahme bildet Richard Jenkins, der als fürsorglicher Fitnessstudio-Boss Ted Treffon wie ein souveräner Erwachsener agiert. Wenn seine Angestellte Linda Litzke seine schüchternen Annäherungen völlig übersieht, ist er auch die einzige Figur aus dem Reigen, die man gerne in die Arme nehmen würde. Man könnte auch sagen: der einzige Mensch aus Fleisch und Blut zwischen cartoonhaften Charakteren.