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Krieg als Droge und Handwerk
Bevor diesen Kinosommer Quentin Tarantino seine "Inglourious Basterds" auf ein Himmelfahrtskommando ins Europa des 2. Weltkrieges schickt, erreicht uns mit "Tödliches Kommando" ("The Hurt Locker") ein Kriegsfilm, der nicht auf Exploitation, sondern auf Authentizität setzt. Schon bei den letztjährigen Filmfestspielen von Venedig wusste der Film von Regisseurin Kathryn Bigelow, die als Frau im US - Actionkino ziemlich alleine dasteht, zu begeistern.
Seit den späten 80ern taucht die Regisseurin in ihren Werken immer wieder in Männerdomänen ein, um sich mit deren Ritualen zu beschäftigen – vom Cop - Thriller "Blue Steel" (1989) über den im Surfer - Milieu angesiedelten Actionfilm "Gefährliche Brandung" (1991) bis zum U - Boot - Drama "K - 19 - Showdown in der Tiefe" (2002). Nach einem Drehbuch von Mark Boal, basierend auf dessen eigenen Erfahrungen als Journalist im Irakkrieg, widmet sich Bigelow mit "Tödliches Kommando" nun dem Alltag einer US - Militäreinheit im Irakkrieg, einem Krieg, der bisher im Kino eher wenig Beachtung fand. Als Ausnahmen seien hier David O. Russells Satire "Three Kings", Sam Mendes "Jarhead" oder Brian de Palmas "Redacted" genannt. Mit "Im Tal von Elah" und "Grace is Gone" waren zuletzt zwei Filme zu sehen, die sich mit den Spuren, die der Krieg in den USA hinterlässt, beschäftigen.
Bigelow stürzt sich stattdessen mitten hinein ins Kriegsgeschehen. Auf große Namen pfeift sie. Die Stars dienen ihr lediglich als Kanonenfutter. Guy Pearce fliegt nach gerade mal zehn Minuten in die Luft und auch Ralph Fiennes, der schon in Bigelows apokalyptischem Science - Fiction - Szenario "Strange Days" (1995) zu sehen war, muss recht bald wieder abtreten. Im Zentrum stehen drei Elitesoldaten eines Bombenräumkommandos in Bagdad, die der Film bei ihrer täglichen Arbeit beobachtet. Nach dem Tod ihres Vorgesetzten bekommen Sergeant JT Sanborn (Anthony Mackie) und Specialist Owen Eldridge (Brian Geraghty) einen neuen Chef: Staff Sergeant William James (Jeremy Renner), ein Einzelkämpfer und Draufgänger, der das Risiko liebt und leichtsinnig auf der Suche nach dem ultimativen Kick ist. Für James ist der Krieg eine Droge.
Bis die Bombe explodiert
In unruhigen, dokumentarisch anmutenden Handkamerabildern erzählt Bigelow aus der Perspektive der Soldaten, die unter sengender Sonne einen Entschärfungseinsatz nach dem anderen durchführen, immer im Bewusstsein, dass einer der irakischen Zaungäste den tödlichen Auslöser betätigen könnte. Bigelow verzichtet sehr effektiv auf genreübliche Spannungsbögen. Quälend lange und nervenzerfetzend folgt sie den Soldaten bei ihren Verrichtungen, bevor sich die Ereignisse dann plötzlich überschlagen, die Bombe unvermutet explodiert. Neben Action und Spannung rückt sie die psychische Verfassung der Soldaten in den Mittelpunkt – die ständige Anspannung und die Angst, die sich in den Ruhephasen manifestiert. Hart und wenig heroisch ist das Kriegshandwerk. Kathryn Bigelow schafft mit "Tödliches Kommando" ein ungemein packendes, sehr physisches Kinoerlebnis, in dem man sich mitten im Geschehen wähnt.
"Tödliches Kommando"
Regie: Kathryn Bigelow
Darsteller: Jeremy Renner, Anthony Mackie u.a.
Start: 14.08. (A) 13.08. (D)