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Hanging Around With Che
Sein legendäres Konterfei, geschaffen vom Fotografen Alberto Korda im Jahre 1960, wurde zur Ikone und ist von den T - Shirts und Postern dieser Welt nicht mehr wegzudenken, sein Name steht als Synonym für Revolution und Widerstand: Ernesto "Che" Guevara, argentinischer Arzt, Politiker und Revolutionär. Diese historische Figur von seinem Mythos zu befreien, sie von der Ikone wieder zu einem Menschen zu machen, war das Ziel von Regisseur Steven Soderbergh ("Traffic", "Ocean's Eleven"). Das Ergebnis seiner zehnjährigen Vorbereitungszeit ist ein über vierstündiges Epos, das bei den letztjährigen Filmfestspielen von Cannes das Sitzfleisch des Publikums strapazierte. Für seine Kinoauswertung wurde "Che" nun in zwei Teile gesplittet.
Revolution auf Reisen
Nachdem "Che – Revolución" die Revolution in Kuba zum Thema hatte, erklimmt nun im Juli Teil zwei, "Che – Guerrilla", der sich mit Ches gescheitertem Versuch, seine revolutionären Utopien auch nach Bolivien zu tragen, auseinandersetzt, die Kinoleinwände.
Im Jahre 1956 setzte Che Guevara gemeinsam mit Fidel Castro und rund 80 Männern mit einer Motoryacht von Mexiko nach Kuba über, um dort den von den USA gestützten Diktator Fulgencio Batista zu stürzen. Guevara agierte dabei neben Fidel Castro als einer der führenden Köpfe der Revolution.
Nach langem Guerillakampf mit den Soldaten Batistas gelang es den Rebellen im Jänner 1959 schließlich, Havanna einzunehmen. Batista floh, und Castro übernahm die Staatsführung. Che wurde mit der Leitung der Nationalbank betraut, später übernahm er das Amt des Industrie - und Handelsministers.
Soderberghs zweiter Teil seiner Guevara - Biografie setzt nach Ches Zerwürfnis mit Fidel Castro (Demián Bichir) und seinem gescheiterten Versuch, auch im Kongo einen Umsturz herbeizuführen, im Jahre 1965 ein.
Nachdem er in Kuba von allen öffentlichen Ämtern zurückgetreten ist, verschwindet er ein Jahr lang spurlos von der Bildfläche. Schließlich taucht er unter falschem Namen in Bolivien auf, um dort mit Gleichgesinnten – darunter die Ostdeutsche Tamara Bunke, genannt Tanja (Franka Potente), und der französische Schriftsteller Régis Debray (Marc - André Grondin) – die Revolution gegen die Regierung unter Präsident René Barrientos Ortuño zu starten. Er beginnt Leute für seine Sache zu rekrutieren. Doch die Bedingungen in Bolivien sind anders als in Kuba. Die Guerilleros genießen keinen Rückhalt in der Bevölkerung, und auch die kommunistische Partei Boliviens unter Mario Monje (Lou Diamond Philips) verweigert die Unterstützung.
Lange, zähe Kämpfe mit den bolivianischen Regierungstruppen und schlechte Versorgung mit Nahrung und Waffen zerren an der Moral der Guerilleros. Nachdem ein Teil der Revolutionäre, darunter Tanja, in einem Hinterhalt vom Militär niedergemetzelt wurde, wird dem Rest der Truppe ein Gefecht bei La Higuera zum Verhängnis. Che wird verwundet und gefangen genommen. Am 9. Oktober 1967 wird er ohne vorherige Gerichtsverhandlung erschossen.
Der Alltag der Revolution
Im Unterschied zu Teil eins gerät "Che – Guerrilla" um einiges linearer. Während Soderbergh dort immer wieder Schwarz - Weiß - Szenen von Ches USA - Reise im Jahre 1964, Auszüge aus seiner Rede vor der UNO - Vollversammlung sowie Interview - Sequenzen und Bilder von Protestkundgebungen gegen ihn in den Handlungsverlauf montierte, und so Ches ideologischen Hintergrund näher beleuchtete, beschränkt er sich nunmehr ganz auf die Revolutionsbemühungen in Bolivien. Basierend auf Ches "Bolivianischem Tagebuch" folgt Soderbergh den Guerilleros im bolivianischen Hochland chronologisch bei ihren täglichen Verrichtungen.
Unruhig verwackelte Handkamerabilder in ausgewaschenen Farben suggerieren Authentizität. Dazwischen schieben sich lange Einstellungen von Landschaftspanoramen. Eine Aneinanderreihung von spektakulären Lebensstationen vermeidet Soderbergh. Die Revolution wird detailverliebt, teils auch bewusst langatmig, als harte Arbeit gezeigt, wodurch der Film zeitweise einen faszinierenden Sog erzeugt. Das revolutionäre Projekt muss organisiert werden, Besprechungen finden statt, Vorbereitungen werden getroffen, neue Guerilleros werden rekrutiert und im Schießen unterwiesen, Lager werden errichtet, es wird weiter marschiert oder einfach nur im Regen gewartet. Dazwischen kommt es immer wieder zu Schusswechseln und Kämpfen mit Regierungstruppen.
Zwischen Idealismus und Bürokratie
Wichtige Eckpunkte in Ches Biografie fehlen aber. Seine politische Laufbahn als Leiter der Kubanischen Nationalbank und Industrieminister, seine gescheiterte Wirtschaftspolitik oder die Tatsache, dass der Comandante zahlreiche Exekutionen durchführen ließ, sind bei Soderbergh kein Thema, womit der Film einen Teil der Person Che Guevara gänzlich ausblendet. Diese Ambivalenz zwischen Idealismus und Bürokratie interessiert den Regisseur ebenso wenig wie politische Zusammenhänge. Auch Ches gescheiterter Umsturz-Versuch im Kongo wird nicht erwähnt, wiewohl Soderbergh diese Episode – wie er in einem Interview erwähnt – gerne noch nachreichen würde.
Um nur ja keine Mystifizierung oder erneute Ikonisierung aufkommen zu lassen, begegnet Soderbergh der Figur Che Guevara äußerst distanziert. Che wird als Teil der Gruppe gezeigt, der seiner Überzeugung entsprechend auch von der Kamera (Soderbergh unter dem Pseudonym Peter Andrews himself) keine Sonderbehandlung erfährt. "Hanging around with Che", wie es Soderbergh nennt. Indem der Regisseur auf Psychologismen verzichtet, sich seiner Hauptfigur nur über deren Handlungen nähert und nur beobachtet, vermeidet er zwar Pathos und eine erneute Heroisierung, es gelingt ihm aber nicht, die Motivationen dieses Mannes offen zu legen.
Ikonenhafter Rebell
Warum sich Ernesto Guevara vom radikalen Marxisten zu einem bewaffneten Rebellen entwickelt, bleibt offen. Die Figur Che Guevara verliert zwar seine Ikonenhaftigkeit – und obwohl Benicio del Toro, der für diese Rolle in Cannes mit einer Goldenen Palme als bester Schauspieler ausgezeichnet wurde, seinen hohlwangigen, von Asthma geplagten Che, dem er übrigens verblüffend ähnlich sieht, grandios zurückhaltend verkörpert – zu einem lebendigen Menschen wird er nicht.
"Che – Guerrilla"
Regie: Steven Soderbergh
Darsteller: Benicio Del Toro, Franka Potente
Start: 24.07. (A) 23.07. (D)