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Tödliche Versprechen
Stellt man sich so einen russischen Mafiaboss vor? Auf der einen Seite bereitet er in seinem Luxusrestaurant – in diesem Falle im immerzu verregneten London – mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht sorgsam die Gerichte für seine Gäste und natürlich auch für seine „Familie“, und auf der anderen Seite braucht er nur mit der Wimper zu zucken, um finstere Gestalten zum Leben zu erwecken. Gewissenlosigkeit, überstrahlt von kompromissloser Machtausübung? Durchaus. Aber auch in diesem, von den „normalen“ und „netten“ Menschen gemiedenen Milieu gibt es einzelne Personen, die die Fahnenstange der Gerechtigkeit vorsichtig in den Wind halten und die Treppe der Moral nicht ganz unkontrolliert hinunterstolpern. Und ist es nicht in der Realität genauso, dass es nur einige wenige braucht, um den „bösen Buben“ das Handwerk zu legen, und die sich dabei sogar noch das ohnmächtig wirkende Kollektiv der Tatenlosen vom Hals halten müssen? Und dabei geht es nicht um kleine Gaunereien, die verharmlost werden, es geht um die Dinge, die am liebsten unter Staub und Spinnweben gesehen werden möchten. Hier wird das Vergessen (und vergessen lassen) angeprangert, das Gott sei Dank nur bedingt funktioniert, da doch zum Staubwedel gegriffen wird, um der Wahrheit ans Licht zu helfen.
Sieht man Kino als Kulinarium, sind Cronenbergs Filme schon seit jeher in der Ecke des Schwerverdaulichen anzutreffen. Der Haubenkoch lässt auch bei der Wahl der Schauspieler nichts anbrennen, während die einen Stars mit Weltruhm sind, können auch Charaktere, die man noch nicht von jeder zweiten Rollboardwerbung und aus Mutters Illustrierter kennt, voll punkten. Vor allem Vincent Cassel als Kirill sticht heraus, der, trotzig wie ein Schuljunge, nicht imstande ist, seine Macht zu bündeln und daher im Irrglauben frei handeln zu können nur die Marionette seines Vaters Semyon (Armin Müller-Stahl) ist, dem Kopf des „vory v zakone”-Clans. Abgeschmeckt wird mit Viggo Mortensen als Nikolai, Chauffeur des Bosses, während Naomi Watts eine etwas naive Krankenschwester gibt.
Ist Moral das Hauptgericht, so wird die Philosophie des Handelns zum Gewürz, Geheimnisse die üppige Beilage. Aber das Menü wird so raffiniert serviert, dass, um die beabsichtigten Geschmacksexplosionen zu erleben, Fähigkeiten (auch fehlende) Zusammenhänge und Muster zu erkennen so unerlässlich sind wie es auch in Intelligenztests der Fall ist. Und das ist durchaus als Qualitätskriterium zu verstehen, wenn einem nicht alles vorgekaut und als warmer, speicheldurchzogener Brei wieder zurück ins Maul gestopft wird. Die gewaltige Sprache der detaillierten Bilder trägt dann noch dazu bei, dass die Synapsen alles andere als dezent durchmassiert werden. Mahlzeit! Und nicht vergessen mit viel russischem Vodka nachzuspülen.
Regie: David Cronenberg
Darsteller: Viggo Mortensen, Naomi Watts, Armin Müller-Stahl
Verleih: Tobis
Start: 28. Dezember