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Jerichow
Der proletarische Untergeher Thomas (die Regie führt Benno Fürmann zu einer unbekannten, aber überzeugenden Spielfacette), unehrenhaft aus der Armee entlassen, kehrt in die ostdeutsche Provinz zurück, um in das Haus seiner verstorbenen Mutter zu ziehen. Durch Zufall lernt er den erfolgreichen türkischstämmigen Unternehmer Ali (Hilmi Sözer) kennen, dem 45 Imbissbuden gehören – dieser macht ihn zum Fahrer.
Immer morgens sieht er die distanzierte Laura (Nina Hoss), die sich in ihrer Ehe mit Ali arrangiert hat, der sie samt Schulden gekauft hat. Thomas fängt mit ihr eine leidenschaftliche Affäre an. Allerdings: "Man kann sich nicht lieben, wenn man kein Geld hat", so Laura. Wofür andere Szenen brauchen, sagt es Petzold in Einzeilern. Ali entdeckt ihr Verhältnis. Der Berliner Regisseur Christian Petzold, Kopf einer "Nouvelle Vague Allemande", variiert James M. Cains Roman "Wenn der Postmann zweimal klingelt" und macht daraus eine Parabel über die Ökonomisierung der Gefühle im Krisenkapitalismus. Sein Personal beschränkt er auf die drei Hauptfiguren, die an wenigen, immer wiederkehrenden Schauplätzen interagieren.
In seiner Mischung aus Paranoia, Schwermut und Masochismus, allgemein in seiner Expressivität, in seiner – freilich immer schon pathogenen – Vitalität nimmt "Jerichow" eine Rolle ein, die es im Kino Petzolds bislang nicht gegeben hat. Wem seine letzten Filme "Yella" und "Gespenster" zu konstruiert, zu verkopft und kunstgewerblich waren, wird ihn hier völlig neu entdecken. Der Regisseur schafft genaue Psychogramme seiner Figuren und setzt seine Muse Nina Hoss im bekannten, ebenso spröden wie präzisen Minimalstil in Szene. In "Jerichow" knistert es gewaltig – das ist großes und fesselndes deutsches Autorenkino für Erwachsene! (8/10)
Regie: Christian Petzold
Darsteller: Nina Hoss, Benno Fürmann, Hilmi Sözer
Verleih: Stadtkino
Start: 06.02. (A) 08.01. (D)