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Forststraßen Freakout
Ein aufgemotztes Kart mit dicken Reifen steht vor einem ockerfarbig schimmernden Zeltlager in der Abendsonne. Vor uns der Strand, hinter uns eine kleine Felswand, über der sich die Straße befindet. Ein erster kleiner Ausflug ins Wasser liegt nahe, doch schwimmen kann unser Gefährt leider doch nicht. Also umdrehen, Gas geben, auf die Straße, daneben vorbei und runter durch die Bäume. Bloß nicht zu den unsichtbaren Barrieren, die du aus allen anderen Rennspielen her kennst, denn die gibt’s hier nirgendwo. Sie wurden abgeschafft. Freie Fahrt.
Sandkastenträume mit Benzingeruch
Schon während der ersten Spritztour erinnern nur wenige Hinweise daran, dass all diese Gebiete zumindest mal teilweise bewohnt und belebt waren. Die Menschen wurden in neue Großstädte evakuiert - die einzigen Zufluchtsorte, die ein gesundes Leben mit erneuerbaren Energien ermöglichen. Was bleibt, sind zahllose leere Straßen, eine trockene Vegetation, atemberaubende Weite und den Rest an Benzin, das noch verbrannt werden will. "Fuel" löst den Traum vieler Gamer ein und wirft sie in einen Sandkasten, in dem zwar nur ein paar Spielzeuge liegen – dafür ist es der größte und schönste Sandkasten weit und breit. Und wir können ihn nicht begehen oder befahren, wir dürfen ihn berasen.
Im Rausch der Geschwindigkeit brettern unsere Buggies, SUVs, Quads, Motorräder und Monstertrucks Schluchten hinunter, Serpentinen hinauf und Bäche entlang. Ein paar Mal Knopf drücken und wir können uns in dieser weiten Welt auch den bekannten Üblichkeiten des Computerrennspieles widmen: Wettbewerb mit anderen Mitstreitern, Wettlauf gegen die Zeit, Verfolgungsjagden und so weiter. Welchen Weg man zwischen Start, Ziel und den Checkpoints dazwischen nimmt, bleibt uns überlassen. Wer will, schaltet das GPS zu und erhält nebst Kompass und Karte auch Streckenvorschläge eingeblendet.
Was fehlt, sind jene Features, die all die "Colin McRae" - und "Gran Turismo" - Spiele dieser Welt schon seit Jahren zu blutleeren Erlebnissen haben werden lassen: Lizensierte Automarken und akribisch nachgebaute Rennstrecken aus der physischen Welt. "Fuel" zeigt dem ansonsten so devot dargebrachten Kniefall vor all den langweiligen Autonarren, denen individuelle Motorengeräusche und authentische Modellspezifikationen wichtiger sind als tatsächliche Sinneserfahrungen im rollenden Untersatz, heftig den Mittelfinger. Das bleibt freilich nicht unbestraft: Weil es sich dieser Norm nicht unterwirft und auf Eigeninitiative der Spielerin setzt, wurde "Fuel" in der Fachpresse äußerst negativ besprochen. Noch absurder wird dieser Umstand, wenn klar wird, dass selbst die klassischen Renn - Modi des Spieles für kräftige Adrenalinkicks sorgen und einen fairen Schwierigkeitsgrad aufweisen.
Doch selbst wenn versucht wird, das Game wegzuschreiben, bleibt "Fuel" ein großer Befreiungsschlag für ein ansonsten gefesseltes und geknebeltes Genre, das leider nur allzu selten einen mutigen Ausbruchsversuch wagt.