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Serienkiller
»Wir wollten die Fantasie mit der Realität verschmelzen«, erklärt Creative Director Patrice Desilets im Gespräch mit TBA. Mit der Rückkehr in die Vergangenheit soll die Leitfigur Desmond Miles abermals die Zukunft retten und schlüpft dabei 300 Jahre nach den Abenteuern Altairs in die Haut seines Vorfahren Ezio Auditore da Firenze. Im 15. Jahrhundert wird Ezio im blühenden Florenz als Sohn eines Bankers und getreues Mitglied der einflussreichen Familie Medici geboren und wächst nur langsam in seine verantwortungsvolle Rolle hinein.
Das ändert sich schnell, als sein Vater und seine Brüder der Fehde mit konkurrierenden Mächten zum Opfer fallen und exekutiert werden. Wie einst sein Vater, erkennt Ezio seine wahre Berufung als Assassine und schwört Rache. Im lasterhaften Italien herrscht Korruption, es gilt die Drahtzieher zur Strecke zu bringen. Die blutige Spur führt Ezio vom geschäftigen Florenz quer durch die Toskana, nach Rom und bis ins Karneval treibende Venedig. Die eigentliche Geschichte wird nur selten von der Rahmenhandlung unterbrochen. Desmond Miles’ neue Zeitmaschine Animus 2.0 unterstützt den Spieler lediglich bei der Erkundung der Vergangenheit und hält etwa Fakten zu historischen Sehenswürdigkeiten bereit.
Königliche Kulisse
»Wir haben die Städte mit Hilfe von tausenden Fotos und alten Plänen nachgebaut und historische Persönlichkeiten in unsere Geschichte einflochten«, erläutert Desilets. In den Schuhen Ezios schleicht, klettert und springt man durch einen Spiel gewordenen Minimundus der Renaissance und dringt dabei zwischen realen Kathedralen, Palästen und Brücken immer tiefer in den Schlund der Intrige. Die heutige Touristenattraktion Ponte Vecchio in Florenz war damals noch ein Fleischmarkt und Venedigs Canale Grande noch so sauber, dass man ihn bedenkenlos zum Abtauchen nutzen konnte - obgleich einem die Unterwasseransicht verwehrt bleibt.
Zu Beginn lernt man sich in den Gassen und auf den Dächern von Florenz einen Überblick zu verschaffen und die besten Fluchtmöglichkeiten ausfindig zu machen. Angriffe auf korrupte Politiker und Statthalter bedingen ein wenig Vorbereitungszeit, will man nicht kurzerhand in die Schwerter allerorts spähender Wachen laufen. Man wird zum Free-Runner und zum Meister der Tarnung, um in rund 100 Missionen des Haupthandlungsstranges und weiteren 100 Nebenmissionen bestehen zu können. Die Variation wurde auf Wunsch der Spieler erhöht. Vom Diebstahl bis zum Auftragsmord gibt es mit 14 bis 16 unterschiedlichen Missionstypen nun dreimal so viel zu erleben, wie in »Assassin’s Creed«.
Prostituierte und Legenden
Dabei kommt einem das gemeine Fußvolk ebenso zur Hilfe, wie die Superstars der Vergangenheit. Prostituierte lassen sich gerne mal bestechen, um Leibwächter zu bezirzen, während man sie beraubt. Ebenso bieten Taschendiebe ihre Dienste an, und Straßenkünstler eignen sich perfekt, um in der Gruppe unterzutauchen. Berühmtheiten wie Niccolò Machiavelli, Caterina Sforza oder Lorenzo de‘ Medici stellen nicht bloß namhafte Statisten, sondern wurden fest in die Erlebnisse eingebunden. Multitalent Leonardo da Vinci etwa wird zu einem engen Verbündeten und mimt einen historisch ebenso unkorrekten wie genialen Q. Eine Flugmaschine, die es in Wirklichkeit nicht über den Skizzenblock herausgebracht hat, wird im Spiel zur nützlichen Erfindung. Wie bei einem modernen Segelflieger nutzt man die Thermik, um über Venedig zu kreisen und im Sturzflug sein Opfer anzugreifen. »Da Vinci ist aber mehr als ein Q. Man befreundet sich tatsächlich mit ihm«, sagt Desilets.
Unzählige ernste und witzige Dialoge tragen dazu bei, sich vom Geschehen mitreißen zu lassen. Das fängt beim Tratsch am Markt an und kulminiert in den dramatischen Auseinandersetzungen mit Erzfeinden. Ezio nimmt es sogar mit der katholischen Kirche auf und kommt den dunklen Machenschaften von Papst Alexander VI auf die Schliche.
Blutrünstig
Beim schlagenden Wort bleibt es natürlich nicht. »Es ist möglich, das Spiel fast gewaltlos zu beenden«, wirft Desilets in den Raum. Allerdings würde man sich dann selbst um einige Höhepunkte bringen. Auf leisen Sohlen überrascht man Wachen und Zielpersonen und lässt Klingen jeder Art ihre unmissverständliche Sprache sprechen. Die unmittelbare, Sekunden anhaltende Gewalt stellt das lautstarke Finale der leisen Operationen dar. Von hinten durchbohrt man mit den versteckten Klingen nichts ahnende Kehlen und säbelt mit der Hellebarde widerspenstige Feinde nieder. Das Kampfsystem ist zwar immer noch nicht so flüssig wie bei Action-Games vom Schlage »Batman: Arkham Asylum«, wurde im Vergleich zum Vorgänger aber deutlich verbessert. Besonders sticht der Kampf ohne Waffen hervor. Der gewiefte Ezio weicht Schwert- und Speerattacken leichtfüßig aus, um Gegner blitzschnell zu entwaffnen und sie schließlich wenig zimperlich ins Jenseits zu schicken – meist kein schöner Anblick.
Low Profile
Mit einem zu offensiven Vorgehen zieht man unweigerlich die Aufmerksamkeit von Gesetzeshütern und Wachen auf sich. Zwei Möglichkeiten bieten sich dem Gejagten: das Gemetzel oder die Flucht. Bei ersterem kommen einem die reichhaltig ausgestatten Shops zugute, die gegen Bares jede Art von Mordinstrument und Rüstung tauschen. Aber Wurfmesser und Rauchbomben gehören ins Repertoire eines jeden Altwarentandlers, und dienen ebenso zur Ausschaltung wie Ablenkung. Um bei der vielseitigen Ausstattung nicht den Überblick zu verlieren, wurde ein einfach zu bedienendes Schnellwahlmenü integriert, das beim Aufruf freundlicherweise kurzzeitig das Spiel unterbricht. Bei der Flucht muss man neben der richtigen Route gleichfalls das passende Equipement wählen.
Wichtiger hierbei ist allerdings das Verwischen von Spuren, indem man Fahndungsplakate von Häuserwänden reißt oder den einen oder anderen Statthalter besticht. Zur Hilfe kommen darüber hinaus allerlei Fortbewegungsmittel. In Venedig schaukeln die Gondeln an den Stegen und laden zur gemütlichen Kanalüberfahrt ein. In der ländlichen Toskana sitzt man hoch zu Ross und galoppiert sprichwörtlich durch die Prärie. Wie fast alle Animationen sind hierbei auch die Sprünge über Stock und Stein hübsch anzusehen. Wird es irgendwann doch zu stressig, darf man sich als gescholtener Rächer in sein Landdomizil in San Gimignano zurückziehen, wo sich auch die Familie Ezios niederlassen kann. Die Reise von einem Ort zum anderen kann praktischerweise verkürzt werden. Per Schiff gelangt man so in wenigen Augenblicken realer Spielzeit an das nächste Reiseziel.
Traumtänzer der Historie
Die Welt von »Assassin’s Creed II« ist gigantisch. Die wichtigsten Schauplätze der Renaissance abzubilden muss eine wahre Sisyphus-Arbeit gewesen sein, die sich zwei Jahre nach Beginn der ersten Studien bezahlt gemacht hat. Als Zeitreisender in das 15. Jahrhundert einzutauchen und reale Städte und historische Persönlichkeiten kennenzulernen, ist ein Erlebnis für sich. Die fiktive Geschichte wurde mit viel Rücksicht auf Tatsachen sorgfältig eingesponnen und lässt zumindest Nichthistoriker in dem Glauben, an einer historischen Verschwörung teilhaben zu dürfen. Die Städte und Landschaften wurden zwar nicht im Maßstab 1:1 umgesetzt, die Ausmaße sind dennoch enorm. Während die Architektonik nicht viele Anhaltspunkte für Kritik bietet, ist die grafische Einbettung futuristischer Interface-Designs schon eher eine Frage des Geschmacks. Manche Spieler werden sich dadurch aus der Illusion herausgerissen fühlen. Die Variation der Aufträge wurde zur Freude aller deutlich erhöht, und wo sonst darf man schon Leonardo da Vinci als seinen persönlichen Q vorstellen. Junge Assassinen sollten von einem zu aggressiven Vorgehen allerdings trotz mannigfacher Ausstattungsmöglichkeiten Abstand halten. Kämpfe gegen mehrere Gegner sind nach wie vor keine Zuckerschlecken.
Prologue
Rechtzeitig zum Start von »Assassin‘s Creed II« hat Herausgeber Ubisoft übrigens unter dem Titel »Assassin‘s Creed: Lineage« die Vorgeschichte als Film veröffentlicht. Das Werk kann kostenlos auf dem Videoportal Youtube betrachtet werden und schildert ausnahmsweise mit realen Schauspielern, wie es zu Ezios misslicher Lage kommen konnte. Kein großes Kino, aber ein netter Appetitanreger.
»Assassin’s Creed II«
Plattform PC, Playstation 3, Xbox 360
Hersteller Ubisoft
Wertung 9/10