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Die Chip-Revolution
Das Gerangel im Moshpit war längst gängige Praxis, und das Crowdsurfing wurde am dritten Tag beinahe schon langweilig. Zwei Tage zuvor habe ich noch darüber gestaunt: Schweiß, Tanz, Geschrei und Ekstase auf einem Micromusic-Festival, das üblicherweise vor allem schüch-terne Retrogame-Boys und ebenso talentierte wie verschrobene videospielaffine Soundbastler anzieht? Hier im "Bell House" in Brooklyn sind nur vereinzelt Exemplare dieser Sorte zu finden, stattdessen sind auffallend viele Pop-Afficioaados, Elektro- und Indie-Hipster, neugierige Studenten und Szenekenner beider Geschlechter versammelt. Die wenigsten lassen etwas anbrennen. Jubel, Ermutigung und Kommentare aus dem Publikum sind ebenso schnell auf die Bühne geworfen wie man voller Enthusiasmus bereit ist, die Bude auseinanderzunehmen, wenn mit dem Sound und der Performance alles stimmt. Es geht also rund, denn Raum für Enttäuschungen bleibt nicht. Die Veranstalter – leuchtende Celebritys innerhalb der 8 Bit-Szene – können es sich leisten, nur die Besten der Besten in ihr dicht gedrängtes Line-up zu buchen. Wer sich mit Atari-Punk, Game-Boy-Shoegaze und Commodore-Rave sonst nicht beschäftigt, wird von Künstlern wie Bubblyfish, Psilodump und David Sugar wohl noch nie etwas gehört haben. Innerhalb der Micromusic-Community sind sie Aushängeschilder, Koryphäen in der Kunst der chipbasierten Musikproduktion. Wer schon einmal probiert hat, mit einem Game Boy und dazugehöriger Software wie "Nanoloop" oder "Little Sound DJ" zu arbeiten, weiß, dass dieser Status hart erarbeitet ist. Ein paar Bleeps entlockt man dem Gerät schnell, ein komplettes Musikstück zu erstellen, ist eine komplett andere Liga.
Nostalgie und Selbstbestimmung
Immer noch beziehen sich die ChipperInnen und MicromusikantInnen auf die Ursprünge ihrer Musikästhetik: Computer- und Videospiele aus den 1980er- und frühen 1990er-Jahren. Die charmant krachenden Soundtracks und simplen digitalen Klänge von Nintendo- und Sega-Spielen sind ehemaligen technischen Restriktionen geschuldet. Heute ist klar, dass dem talentiertesten Sounddesigner nichts Besseres hätte einfallen können: 8 Bit-Sounds sind seit der Wiederentdeckung alter Games Ende der 1990er-Jahre allgegenwärtig, sei es in zeitgenössischen Elektronikpop-Produktionen oder Mainstream-Veröffentlichungen. Selbst penetrant coole Indiebands wie Crystal Castles beziehen sich auf Videospielkultur und ihre musikalischen Ursprünge und kommen bestens damit weg – außer in der Chiptunes-Szene selbst, denn die mag ideologische Vereinnahmungen, schludriges Sampling und kommerzielle Ausschlachtungen so gar nicht. Als der alternde Punkband-Caster Malcolm McLaren Ende 2003 den von ihm sogenannten "8 Bit-Punk" entdeckt, sind die Betroffenen nicht geschmeichelt, sondern erbost. Öffentliche Briefe werden ins Netz gestellt, man distanziert sich von McLarens Interpretationen und Eingemeindungsversuchen. Wer aber nicht von außen große Töne spuckt, sondern sich als aktives Mitglied behutsam in die Szene eingliedern möchte, darf sich größtmöglicher Solidarität sicher sein. Auf dem selbst erstellen Community-Portal "8 Bit-Collective" tauschen sich etablierte Blipper Tag und Nacht mit wissbegierigen Beginnern aus. Man stellt seine Tunes online und kommentiert wechselseitig das musikalische Schaffen. Und egal, ob es sich um eine 8 Bit-Web-Plattform oder um eines der zahlreichen kleinen Chiptunes-Labels handelt: Alle Stücke sind grundsätzlich frei zugänglich und werden meist zusätzlich unter eine Creative-Commons-Lizenz gestellt. Das bedeutet im Wesentlichen: Nichtkommerzielle Verbreitung und Veränderung der Musik ist erlaubt, allerdings immer nur unter der Prämisse der Angabe des ursprünglichen Autors. Was die reflektierte Selbstwahrnehmung, das störrische Beharren auf den eigenen Kodex und den kritischen Umgang mit der Umwelt betrifft, hatte Malcolm McLaren also durchaus den richtigen Riecher: Die Chiptunes-Szene ist Punk in der besten Tradition des Unangepassten, des Selbstgemachten und Selbstbewussten. Der schlimmste Regelverstoß eines 8 Bit-Szeners wäre die ästhetische Unterordnung an einen Außenstehenden mit ach so tollen Tipps zur besseren Vermarktung. Denn die 8 Bit-Gemeinschaft weiß sich selbst zu helfen: Sowohl online als auch auf eigenen Veranstaltungen wie dem Blip Festival werden typische und weniger typische Merch-Artikel wie T-Shirts, Buttons, DVDs und alte Videospielsteckmodule mit neuer Musik drauf verkauft. Auch CDs können erworben werden, doch klassische Tonträger dienen nur als Ergänzung zum konstant wachsenden Portfolio der frei zugänglichen Tracks aus dem Netz.
Internationaler Austausch
So selbstbestimmt und unabhängig die Micromusic- und Chiptunes-Szene nach außen hin ist, so vielseitig und international sind ihre Protagonisten und deren Musik. Grummelig-versponnene Game-Boy-Wunderkinder aus Kanada mit Hang zur Melancholie (The J. Arthur Keenes Band) treffen auf heitere Synthpop-Performerinnen aus Seattle (Leeni) und geschmackssichere Herren aus New York im besten Alter, die mit wenigen Tastendrückern die Kids zum Ausrasten bringen (Glomag). Blipperinnen und Blipper spannen ein Netz vom amerikanischen Kontinent nach Großbritannien, von dort quer übers europäische Festland und zurück. Noch ist Chiptunes ein westliches und stellenweise asiatisches Phänomen (hinter den Soundtracks vieler alter Videospiel-Klassiker stehen japanische Komponisten), die Zugänglichkeit der Produktionsmittel und der ermutigende Vibe der Szene wird in den kommenden Jahren aber wohl auch Musikbastler in anderen Teilen der Welt hervorbringen. Österreich mischt spätestens seit 2002 mit dem Kollektiv Game Boy Music Club in der Bleeps-und-Blops-Gemeinschaft mit, die international respektierte Artists wie Markus Schrodt oder Herbert Weixelbaum hervorgebracht hat. Und Deutschland kann sich damit brüsten, mit dem ehemaligen Hardcore-Techno-Produzenten Patric Catani einen der allerersten Chip-Konzeptkünstler hervorgebracht zu haben. Catani hat mit "The Evil Plans of Flex Busterman" bereits 1997 ein Micromusic-Album veröffentlicht.
Save The Chips
Mittlerweile ist der Sonntag angebrochen, es ist eine halbe Stunde nach Mitternacht. Immer noch fliegen weiße Luftballons durch den Raum, immer noch möchten so viele aufgeputschte Menschen im Publikum den allerletzten Act des Blip Festivals erleben. Ist auch dieser Spaß vorbei, gibt es keinen Grund zur Wehmut: Die nächsten 8 Bit-Veranstaltungen sind bereits in Planung, und außerdem trifft man sich schon am nächsten Tag wieder online, um Erfahrungsberichte, Videos und neue Songs auszutauschen. Aber erstmal haben sich die betagten Vintage-Geräte und ihre Soundchips eine ausgiebige Ruhepause verdient.
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