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Overlord: Der Lord und seine Legionen
Überbringst du, liebe Leserin, lieber Leser, gerne schlechte Nachrichten? Vermutlich nicht. Nur wenige Menschen haben die Stärke, in allen Lebenslagen unangenehme Dinge direkt anzusprechen. Funktionieren tut es besser, wenn man nicht persönlich involviert ist oder andere vorschickt. Das ist natürlich nicht die feine englische Art und in Wahrheit auch ziemlich feig. Aber zumindest oftmals verlockend. Im echten Leben sollte genug Mut und Würde vorhanden sein, um auch mal ernste Angelegenheiten zu klären. Aber im virtuellen Raum? Die Welt der Videospiele bietet bekanntermaßen unzählige Projektionsflächen für all unsere Wünsche: grenzenlose Freiheit, Allmachtsfantasien, soziale Harmonie und so weiter. Warum nicht auch mal dem latenten Wunsch, so richtig hinterfotzig und boshaft zu sein, in einem Game freien Lauf lassen? „Overlord“ bietet dazu Gelegenheit.
Wir bekommen ein Wesen in Menschengestalt vorgesetzt, das in einer Ritterrüstung steckt und von fiesen, kleinen Kobolden wiederbelebt wird. Die teilen uns mit, dass wir der Overlord, das ultimativ Böse sind und nun auch gefälligst bald damit beginnen sollen, entsprechend niederträchtige Dinge zu tun. Dabei wollen die kleinen Biester ohnehin selbst die dreckige Arbeit für uns machen. Also gut, dann geben wir ein Zeichen: Mit einem Mausklick wird flugs unser linker Arm nach oben gestreckt, und schon laufen die rauflustigen Racker drauflos. Da werden antike Vasen zerdeppert, drollige Schäfchen gevierteilt oder die Rücken untoter Unholde malträtiert. Wird uns das Treiben zu bunt oder rennen die unheiligen Wichte in ihr Verderben, heben wir den rechten Arm nach oben, und schon kommen sie alle zurückgehechelt. Platz! Sitz! – Brave Schergen!
Ein wahrer Bösewicht lebt eben erst durch seine Untertanen so richtig auf.
Zuerst glaubt man noch, eine banale Geschicklichkeitsübung in einer hübschen 3D-Landschaft vor sich zu haben. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem die kleinen Helfer erstmals ertrinken, verbrennen oder von kugelbäuchigen Chefköchen überrollt werden. Taktik muss her und zwar schnell! Und gerade wenn man merkt, dass „Overlord“ tatsächlich eine schlau designte Mischung aus Action-Adventure und Denkspiel ist, geht das Game auch schon so richtig in die Vollen. Schergen gibt es nämlich derer vier: Die einen können gut kämpfen, die anderen durchs Feuer gehen. Blaue können schwimmen und Kollegen wiederbeleben, Grüne sind immun gegen Gift und bekannt dafür, den Gegnern von hinten aufs Genick zu springen. Wir als Overlord können selbst ein bisschen zaubern und mit dem Schwert umherfuchteln, doch ein wahrer Bösewicht lebt eben erst durch seine Untertanen so richtig auf. Als Verbreiter von Angst und Schrecken werden wir selbstverständlich nur dann ernst genommen, wenn wir die jeweiligen Fähigkeiten unserer Schergen richtig nutzen und ihre Schwächen kennen. Je weiter man im Spiel vorankommt, desto weitläufiger wird die Umgebung und desto kniffliger werden die Aufgaben. Da ist etwa die Sache mit der Zombie-Armee just zu dem Zeitpunkt, an dem wir nur blaue Wichte zur Verfügung haben. Die sind leider schlechte Kämpfer und werden von den Untoten gnadenlos geplättet. Da hinten ist ein Nest mit Kampfschergen, nur leider steht es im Wasser. Egal, wir holen uns trotzdem ein paar Braune, die dann auch prompt ertrinken. Glücklicherweise haben wir die Blauen mit dabei, die flugs die kleinen schuppigen Körper wiederbeleben.
„Overlord“ glänzt mit einer entschlackten Spielmechanik, die auf das Wesentliche beschränkt ist, damit aber trotzdem jederzeit in die Tiefe gehen kann und das auch sukzessive tut. Der Spielverlauf ist klar strukturiert, das Game dennoch nie völlig linear. Wäre das nicht schon Freude und Anlass genug, endlich den „World of Warcraft“-Account abzumelden und stattdessen täglich bloß ein bis zwei Stunden bunte Goblins durch virtuelle Verliese zu lotsen, hat „Overlord“ noch ein weiteres Ass im Ärmel: Humor. Ein böser Hofnarr etwa wirft uns launige Phrasen um die Ohren („Weisester Meister!“, „Bauernbestrafer!“), die Schergen kichern und schneiden aberwitzige Grimassen. Eine derart homogene Mischung aus ansprechender Präsentation, durchdachtem Spiel-Design und einer großen Portion Charme ist in der Videospielwelt nicht alltäglich. Und keine Sorge wegen dem schlechten Gewissen: So richtig böse ist der Overlord gar nicht. Er hat nur etwas gegen jene, die noch garstiger sind als er selbst. Die Konkurrenz schläft schließlich nicht ...