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Gipfel der Spieleweltenbauer
Meine Rolle in der Industrie war immer der Prophet in der Wüste. Der einzige Grund, warum ich toleriert werde, ist die Tatsache, dass ich schon viel zu oft Recht hatte.“ – Das sagt Chris Crawford, Spieledesigner der ersten Stunde, im Februar 1996 in einem Interview. Bereits vor über zehn Jahren war Crawford ein Aushängeschild und Veteran der Videospiele-Welt, gleichzeitig haftet ihm mindestens so lange der Ruf des schrulligen Einzelgängers an. Sein Wunsch, oder nennen wir es besser eine Sehnsucht, nach Games mit emotionalem und sozialem Mehrwert lässt ihn seit über einem Vierteljahrhundert nicht los. Doch selbst für langgediente Visionäre einer noch sehr jungen Kreativindustrie ist ein Wunsch alleine zu wenig, und so hat Crawford 1987 befreundete Designer und Programmierer in sein Wohnzimmer eingeladen. Es wurde gemeinsam über neue, andere Videospiele sinniert, die nicht nur den typischen Nerd-Gamer als Hauptzielgruppe anpeilen, sondern quer durch die Demografie Frauen und Männer, SpielerInnen und Nicht-Spieler, Enkel und Großonkel gleichermaßen begeistern können.
Die GDC stellt mit mehr als 10.000 Teilnehmern das wichtigste Treffen unabhängiger Spieleentwickler dar.
Über 20 Jahre später ist aus dem halb-privaten Stelldichein von einer Handvoll Designern die weltweit wichtigste Spieleentwickler-Konferenz geworden. Heute lockt die Game Developers Conference (GDC) über 10.000 Teilnehmende an. Die meisten unter ihnen kommen, um große Vertriebsfirmen für das eigene, frisch entwickelte Spiel zu begeistern, Stars aus der Szene zu treffen und sich mit Gleichgesinnten auszutauschen.
Herzstück jeder GDC sind die sogenannten keynotes und featured speakers, bei denen besondere Persönlichkeiten Rede und Antwort stehen. Heuer war unter anderem der 86-jährige Ralph Baer dabei, der im Jahr 1966 das Ur-Patent für das Prinzip des Videospiels verfasst hatte. Andere Glanzlichter, wie der noble Games-Poser Peter Molyneux oder der Erbauer des allerersten Pong-Automaten, Al Alcorn, waren ebenfalls mit dabei.
Mindestens so spannend wie der Hauptteil des Entwicklertreffens sind seine Seitenstränge. So feiert das Independent Games Festival als Teil der GDC heuer bereits seinen zehnten Geburtstag. Bei Indie-Games werden naturgemäß große Konzerne außen vor gelassen und stattdessen junge Kreative eingeladen, die alleine oder in kleinen Teams Computerspiele ohne Rücksicht auf Verluste und kommerzielle Geschmäcker im Keller oder in der Garage zusammenzimmern. Dass gute Ideen – selbst, wenn sie im kleinsten Rahmen stattfinden – der Nährboden für die kommenden Videospiel-Höhepunkte sind, weiß die Industrie gut genug und beobachtet gerade deshalb den Nachwuchs mit wachsam-interessiertem Auge. Besonders bemerkenswerte Nominierungen umfassen heuer unter anderem das Zeichenspiel Crayon Physics Deluxe, bei dem man selbst auf den Bildschirm gekritzelte Figuren zum physikalischen Leben erweckt oder das an Super Marios Welten erinnernde Fez, bei dem sich ein pixeliger, flacher Spielcharakter aufmacht, eine dreidimensionale Welt zu entdecken. Ein Blättern durch alle Indie-Games-Nominierungen zahlt sich aus und wird für viele kleine Verblüffungsmomente sorgen.
Einige der Titel stehen sogar zum freien Download bereit, andere wiederum können es nicht mehr erwarten, bald ebenfalls angespielt werden zu können. Ob Chris Crawford all diese Spiele auch kennt und ihm jemand bei der heurigen Conference über den Weg gelaufen ist, ist nicht bekannt. Ende dieses Jahres, heißt es, würde er jedenfalls wieder auf sich aufmerksam machen. Mit einem Tool zum Erzählen interaktiver Geschichten, das vielleicht seinen Wunsch nach mehr emotionalem Tiefgang in Games wieder einen Schritt näher an die Verwirklichung bringt.