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Grand Theft Auto IV: Verbrechen macht frei
Aller Anfang ist Autodiebstahl. Die Tür aufgerissen, die Person am Fahrersitz mit Gewalt von ebendiesem entfernt und selbst kräftig aufs Gaspedal gesprungen – Hunderte Male geht es in jedem Teil von Grand Theft Auto (in den USA übrigens die offizielle Bezeichnung für diesen Tatbestand) so oder sehr ähnlich auf die Reise. Wohin der weitere Weg führt, liegt dann aber völlig in der Hand der Spielenden. Zu jedem Zeitpunkt können theoretisch ein oder mehrere „Freunde“ und „Bekannte“ angefahren werden, die kriminelle Aufträge vergeben und den Haupterzählstrang des Spiels weiterspinnen. Es ist auch möglich, kurzfristig die Seiten zu wechseln und sich als Taxifahrer, Pizzalieferant oder Mitglied der Bürgerwehr legal nützlich zu machen. Aber es gibt noch eine dritte Option: Nichts zu tun.
Müßiggang hat in der Geschichte des Computerspiels überhaupt keine Tradition. Die Welt zu retten, Prinzessinnen zu befreien oder möglichst viele Punkte zu fressen, war immer ein Vollzeitjob.
Müßiggang hat in der Geschichte des Computerspiels überhaupt keine Tradition. Die Welt zu retten, Prinzessinnen zu befreien oder möglichst viele Punkte zu fressen, war immer ein Vollzeitjob – Pausen gab es nur, wenn der Computer neu laden musste. Als es 2001 in „GTA III“ möglich wurde, einfach nur herumzufahren und zu stimmungsvollen Songs aus dem Radio die detailverliebt modellierte 3D-Umgebung im kitschig berechneten Sonnenlicht zu bewundern, war das also ziemlich revolutionär. Im Gegenteil zu linearen und restriktiven Spielkonzepten der üblichen Level-Endgegner-Level-Endgegner-Machart kam hin und wieder sogar ein Gefühl von Freiheit auf - in einer komplett durchgeskripteten Welt natürlich pure Illusion, als solche aber verblüffend effektiv. Vor allem die weitläufige Spielelandschaft des letzten „großen“ GTA-Kapitels San Andreas eignete sich mit ihren Wüsten und Bergen vorzüglich zum meditativen Autofahren ohne schlechte Auswirkungen auf die Klimabilanz.
Ende April ist mit „GTA IV“ der lange erwartete neue Teil der Saga erschienen.
Das Spielfeld Liberty City – dem offensichtlichen Vorbild New York so ähnlich wie
noch nie – ist dabei nicht annähernd so gigantisch geraten wie das virtuelle Kalifornien des Vorgängers. Stattdessen wurde mehr Zeit in Details investiert und die Bewegungsmöglichkeiten in der Vertikalen mit Lifts und Stiegen verbessert – für eine Stadt voller Wolkenkratzer durchaus sinnvolle Erweiterungen. Erzählt wird die Geschichte von Niko Bellic, der aus einem nicht näher definierten osteuropäischen Land in die Metropole kommt, um ein besseres Leben und eine mysteriöse Person aus seiner Vergangenheit zu finden. Auf dem Weg dorthin bekommt er es mit „Sopranos“-angehauchten Mafiosi und der dazugehörigen Gewerkschaft ebenso zu tun wie mit arabischen Bauspekulanten und jamaikanischen Rudeboys – Grand Theft
Auto ist bekannt dafür, kaum ein (Gangsterfilm-)Klischee auszulassen.
Nikos wachsendes kriminelles Netzwerk hat im Vergleich an Wichtigkeit gewonnen. Waren die Beziehungen zu den unzähligen windigen Charakteren der vorangegangenen Spiele eher eindimensional, wollen oder müssen die Kontakte zur Unter- und Halbwelt in Teil IV (tatsächlich die insgesamt neunte eigenständige Folge) sorgfältig gepflegt werden. Das passiert bei Bowling- oder Dartsduellen genauso wie mit Besuchen im Comedy Club oder der Exilrussen-Bar – wobei letztere sowohl die Körperkoordination zu Fuß als auch die Ideallinie im Fahrzeug der Wahl kräftig beeinträchtigt. Hat sich Niko erst einmal mit den illustren Ganoven verbrüdert, werden sie ihm in Zukunft hin und wieder weiterhelfen. Umgekehrt sollte er die Kollegen, um böses Blut zu vermeiden, bei verabredeten Treffen aber nicht unnötig warten lassen oder gar versetzen.
Erzählt wird die Geschichte von Niko Bellic, der aus einem nicht näher definierten osteuropäischen Land in die Metropole kommt, um ein besseres Leben und eine mysteriöse Person aus seiner Vergangenheit zu finden.
Solch fundamentale Regeln des menschlichen Zusammenlebens werden jetzt auch für die Personen auf der anderen Seite der Mattscheibe wieder interessanter. Statt die gesetzlose Fantasiewelt alleine zu durchstreifen, könnte man in den Straßen von Liberty City nämlich auf andere Freizeit-Gangster aus Fleisch und Blut treffen. „GTA IV“ hat als erstes Spiel der Serie von Haus aus einen Online-Multiplayer Modus eingebaut, der mehr als ein Dutzend virtueller Wettkämpfe - vom Autorennen bis zum Kampf mit Messern in schwindelerregender Höhe – ermöglicht. Aber auch der gute alte Müßiggang wurde nicht vergessen: Ganz ohne Konkurrenzdruck gemeinsam durch die Gegend zu cruisen erweist sich dank New Yorker Skyline und Autoradiosound zwischen Dixie-Jazz, Afro-Funk und Russen-Rock als sehr luxuriöse Variante des schnöden Chatrooms.