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Strichmännchen im Wunderland
Eine künstliche Intelligenz, die zu einem eigenen Bewusstsein findet und sich dem Menschen annähert. Diese Zukunftsvision beschäftigt und fasziniert uns seit Jahrzehnten. Bereits 1982 sind wir im Film "Tron" ins Innere eines Rechners abgetaucht und haben erfahren, welche erbitterten Kriege dort zwischen gutem und bösem Programmcode ablaufen. Das britische Games-Entwicklerteam Introversion Software hat diese Idee 2005 in ihr Spiel "Darwinia" gegossen.
Sowohl in ästhetischer als auch spielerischer Hinsicht war "Darwinia" ein großer Erfolg für das unabhängige Entwicklerteam. Es war Introversions zweites Game, bei dem aus einer Not eine Tugend gemacht wurde. Weil für den visuellen Feinschliff zu wenig Personal da war, hat man die pixelige Grafik mit ihren einfärbigen Flächen einfach zur Kunst erklärt und eine dazu passende Story geschrieben: In "Darwinia" bekämpfen wir einen Virus innerhalb des Computers. Das geschieht, indem digitale Energiequellen angezapft werden und wir Programmcode-Soldaten gegen den bösen Code ins Schlachtfeld schicken. Das Ziel: Die Computerlebensform der Darwinians, kleine, grüne Strichmännchen, muss beschützt werden.
In "Multiwinia", dem neuen Mehrspieler-Ableger, sieht die Situation nun drei Jahre später ganz anders aus. Zwar mutet "Multiwinia" weiterhin wie ein digitales Traumland an, mit pixeligen Hügeln und glühenden Binär-Bäumen. Aber schon nach wenigen Minuten, im ersten Match, merkt man, dass man es hier mit einem frenetischen Tohuwabohu zu tun hat. Der Virus ist fort, nun lassen wir die Darwinianer direkt gegeneinander antreten.
Bis zu vier Spieler/innen treffen auf unterschiedlichen Schlachtfeldern in sechs verschiedenen Spielmodi aufeinander, in einem taktischen Mehrspieler-Game, das viel Konzentration und schnelle Reaktionen einfordert. Die Spielvarianten unterscheiden sich teils maßgeblich voneinander und bieten auf unterschiedlichen Karten auch skurrile Aufgaben. So müssen etwa Statuen verschoben oder Raumschiffe zum Starten gebracht werden – natürlich bevor die gegnerischen Mannschaften, die man möglichst effizient sabotieren sollte, das tun. Während einer Partie poppen ständig neue Darwinianer aufs Spielfeld und es fliegen neue Bonusgegenstände vom Himmel.
Wer nicht schnell und taktisch klug die Geschicke der kleinen, flachen Computerwesen lenkt, ist bald Geschichte. Allerdings ist "Multiwinia" ein Game, das trotz des oft chaotischen Spielverlaufs immer einsteigerfreundlich bleibt und Dank seiner kurzen Partien auch kein unangenehmer Zeitfresser ist. Wer Echtzeit - Strategiespiele mit viel Action mag und sich durch den schnellen Spielfluss nicht aus der Ruhe bringen lässt, ist mit "Multiwinia" gut aufgehoben. Die Infrastruktur lässt beim Online-Spielen (Chatfenster, Server-Erstellung, etc.) zwar noch einige Wünsche offen, Introversion ist sich seiner treuen Fangemeinde aber bewusst und wird dementsprechend gut für die weitere Pflege des Spiels sorgen.
Übrigens läuft das Game auch auf älteren Windows-PCs noch problemlos und ist für knapp 20 Euro auch in einem angenehmen Preissegment angesiedelt. Thomas Arundel, Marketingleiter bei Introversion Software, rät übrigens auch deshalb zum Kauf seines Produktes, weil in Zeiten der weltweiten Finanzkrise ein Computerspiel für dasselbe Geld längere Zeit Vergnügen bringen würde als etwa der Kauf einer Film-DVD. Kreatives Verkaufsargument, Herr Arundel, doch einfach nur verkriechen und auf Besserung hoffen ist wohl auch keine Lösung. Es zwischendurch online mit Strichmännchen so richtig krachen zu lassen, ist aber zweifelsfrei eine gute Idee, der man öfter nachgehen sollte.