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Nach Speck kommt Pop
Als ich vor sechs Jahren zum ersten Mal durch die Strøget, Kopenhagens Fußgängerzone, bummelte, fielen mir vor allem die Plakate auf. Die Band Mew hatte eben ihr Album „Frengers“ veröffentlicht, und das Cover – es zeigte einen Torero in voller Montur – prangte auf Plakatwänden, in den Schaufenstern der großen Medien- und Plattenläden und in den Eingangsbereichen cooler Cafés. Wo waren Robbie Williams und Beyoncé geblieben? Wo die anderen Mainstream-Acts, die in scheinbar jedem anderen Land der Welt die einzigen Pop-Künstler mit genug Marketing-Power waren, um das Stadtbild so prägen zu können? Es musste schon einiger Enthusiasmus beim Publikum da sein, dass Labels in Dänemark, mit rund 5,5 Millionen Einwohnern ein noch kleinerer Markt als Österreich, ihre eigenen Pop-Helden auf ein solches Podest heben konnten.
Tatsächlich hat dänischer Pop im eigenen Land ein Marktpotenzial, von dem andere Länder nur träumen können: Rund 40 Prozent der Umsätze am Musikmarkt werden laut Angaben des Branchenverbandes IFPI in Dänemark mit nationalem Repertoire gemacht. Zum Vergleich: In Österreich lag dieser Anteil 2008 bei 13 Prozent, Tendenz fallend. Die Zeit, als Mew mit »Frengers« groß Furore machten, markierte auch eine stilistische Umwälzung: Mew nannten sich kokett »die einzige Indie-Stadionband der Welt« und hackten mit ihrem harmonieseligen Sound, der bei aller Orientierung am Indie-Rock doch immer etwas Großspuriges hatte, die Grenzen zwischen Mainstream und Alternative mit Enthusiasmus und Theatralik nieder. Andere dänische Bands wie die ebenfalls melancholisch-bombastischen Saybia taten Ähnliches. Freilich, auch Coldplay wurden zu jener Zeit groß, doch hinkten die Dänen den Briten diesmal nicht hinterher. Mittlerweile haben andere Bands den Enthusiasmus der dänischen Fans entzündet – und auch wenn neuer dänischer Pop klar von internationalen Trends wie der Verschmelzung von Disco-Beats und Gitarren-Rock geprägt wurde, haben Bands wie Kiss Kiss Kiss, Politics, die Fagget Fairys und Ginger Ninja doch ihre unverkennbaren Sprachen gefunden.
»Früher war die Rock-Szene der einzige Ort, an dem interessante Dinge passiert sind«, sagt Silas Moldenhawer, Schlagzeuger der Kopenhagener Band When Saints Go Machine. »Nun tritt richtig aufregende Popmusik in den Vordergrund. Der alte Widerspruch, dass Pop schlecht und Rock kreativ ist, gilt einfach nicht mehr.«
Gewachsene unabhängige Szenen
Silas hatte selbst nie viel mit der Stadion-Indie-Szene am Hut: Er bastelte lieber Beats und veröffentlichte gemeinsam mit Jonas Kenton, dem späteren Keyboarder von When Saints Go Machins, House-Tracks unter dem Namen Kenton Slash Demon. Simon Muchinsky agierte wiederum in der Welt des experimentellen Jazz und der freien Improvisation, bevor er an Keyboards und Synthesizer zur Band stieß. »Wir hatten alle zuvor andere Projekte, aber es gab in Kopenhagen einfach keine Szene dafür«, erzählt Silas. »Die Möglichkeiten für Techno oder experimentelle Musik waren minimal. Das hat sich geändert, die verschiedensten unabhängigen Szenen sind gewachsen.«
Im Bereich elektronischer Musik schreibt Silas den Wachstumskick vor allem dem Distortion Festival zu, das nach Vorbild des Sonar Festivals in Barcelona jedes Jahr DJs, Club- und Partyvolk nach Kopenhagen bringt. Was 2000 mit einer Partyreihe mit rund 2.500 Gästen begonnen hat, ist so zu einem Mega-Event mit mehr als 31.000 Fans angewachsen. Heuer werden von 2. bis 6 Juni Größen wie DJ Vadim und lokale Acts verschiedene Stadtteile Kopenhagens rocken.
Außerhalb Kopenhagens übt vor allem der kleine Ort Roskilde nachhaltige Wirkung auf die Pop-Landkarte Dänemarks aus. Das seit 1971 jährlich dort stattfindende Festival – mit 70.000 Besuchern pro Tag das größte Rock-Festival Nordeuropas – ist nicht nur eine Abspielstätte für internationale Mega-Acts und ein Vorbild für vergleichbare Großveranstaltungen in ganz Europa, sondern hat sich immer wieder auch als Verstärker für die dänische Szene erwiesen. Heuer (1. bis 4. Juli 2010, Warm-up-Programm ab 27. Juni) präsentiert Roskilde etwa die für melancholischen Indie-Pop bekannte Combo The Kissaway Trail prominent neben Muse. In den vergangenen Jahren bekamen u. a. die mit Grunge-Grandiosität bestechenden Kashmir, die barock-überschwänglichen Rocker Dúné und der House?/?Techno-Bastler Trentemøller in Roskilde ihren großen Auftritt. Da mehr als die Hälfte des Roskilde-Publikums nicht aus Dänemark stammt – der Großteil kommt aus anderen skandinavischen Ländern und Deutschland – trugen viele Fans dänische Musik auch von Roskilde in die Welt hinaus.
Für Manfred Zähringer, Gründer des ältesten dänischen Indie-Labels Iceberg Records, reicht ein solcher Exporteffekt allein noch nicht – zumal sich auch der dänische Musikmarkt, trotz konstanter Treue des inländischen Publikums, seit seinen Blütezeiten Mitte der 90er nahezu halbiert hat. Zähringer setzt inzwischen darauf, seine Bands weltweit via Lizenzen zu vermarkten. So platzierte er Songs der Rock-Combo The Blue Van insgesamt 14-mal in Serien und Werbespots, etwa in »CSI: NY«, »Scrubs« und »Beverly Hills, 90210« sowie in einem nordamerikaweit ausgestrahlten Samsung-Spot. Dass Dänemark eine gute Adresse für Rock und Pop ist, dringt aber erst langsam ins internationale Bewusstsein, findet Zähringer: »Die größten Exportgewinne kamen immer von Dance-Geschichten.«
Wachgerüttelt durch Exporterfolge
Zähringer selbst hat in den 90ern mit dem unausweichlichen One-Hit-Wonder Scatman John (»I’m A Scatman!«) gutes Geld verdient. Zur gleichen Zeit feierte das bislang für Porno- und Speck-Exporte bekannte Dänemark in den 90ern mit »Eurotrash« Triumphe: Die Single »Barbie Girl« von Aqua, niveautechnisch irgendwo zwischen Porno und Marshmallow-Speck angesiedelt, wurde 1997 zum Megahit und machte seine Hersteller mit 15 Millionen verkauften Alben und sechs Millionen Singles reich. Was DJ Ötzi für Österreich ist, waren Aqua für Dänemark.
Möglicherweise liegt es an diesem Trauma, dass die Formel »Pop = schlecht, Rock = gut« bei Musikern wie Silas Moldenhawer noch immer so tief sitzt. Doch der Exporterfolg rüttelte auch die dänische Politik wach und half Förderprogrammen auf den Weg, von denen heute auch frische, kreative Acts wie When Saints Go Machine profitieren. Schon bevor der kommerzielle Aha-Effekt in den 90ern die Köpfe der Wirtschafts- und Kulturpolitiker erreichte, hatte sich in Dänemark allerdings ein Lobby-Netzwerk gebildet, das sich für Pop und Rock stark gemacht hat, erzählt Christian Buhl, Strategieverantwortlicher für das »Spot On Denmark«-Programm, das dänische Bands im Februar nach Österreich bringt. »Das Danish Rock Council, kurz ROSA, existiert seit 1981«, erklärt Buhl. »In anderen Ländern haben vergleichbare Lobbying-Aktivitäten erst vor zehn Jahren oder später begonnen.«
ROSA ist die Hauptorganisation hinter dem Spot Festival, dem wichtigsten Musikbranchen-Event Skandinaviens, das seit nunmehr 15 Jahren Veranstalter, Label-Menschen, Bands und Fans im dänischen Aarhus zusammenbringt.