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House of the Rising Angst
Geschichten von Häusern, deren Innenmaße kleiner sind als ihr äußerer Umfang gibt es viele: In Edgar Wallace-Romanen werden an solcher Stelle gerne Geheimkabinette entdeckt, eingemauerte Schätze oder Leichen. Oder wahlweise auch verborgene Gänge, in denen man die Kutte des Schwarzen Abtes rascheln hört.
Mark Z. Danielewski schreibt dagegen einen Roman über ein Haus dessen Inneres größer ist als die Front, ein unmögliches Haus, das „House of Leaves“.
In der 2000 erschienenen, amerikanischen Originalausgabe sind die Deckelkanten etwas kürzer als die Seiten selbst. Versucht man, den Umschlag gewohnheitsmäßig als Einmerker zu verwenden, stellt man fest, dass er sich knapp nicht um die Seiten schieben lässt. Irgendwas stimmt nicht mit den Maßen. Auch hier ist das Innen größer als das Außen. Wie einen überhaupt das Layout dieses seltsamen, als akademischer Aufsatz getarnten Romans, parallel zur Handlung immer wieder in die Irre führt.
Jetzt ist das „House of Leaves“, das in den USA als Kult gehandelt und mit Werken von Stephen King oder Clive Barker verglichen wird, im Klett-Cotta-Verlag auch auf Deutsch erschienen. Zunächst als Hardcover und ohne den zu kurzen Umschlag, ansonsten aber in ähnlich liebevoller Aufmachung samt rot und blau eingefärbter Passagen und Fotografien (in der deutschen Ausgabe allerdings leider Schwarz Weiß statt Farbe). Christa Schuenke, die es übersetzt hat, verdient Respekt: Analog zu den dunklen Passagen und Gängen, die sich in der Geschichte auftun, hat Danielewski im Text selbst Codes und Botschaften versteckt.
Sammelt man die Anfangsbuchstaben gewisser Passagen und reiht sie aneinander, ergeben sich Hinweise, ironische Kommentare, Orts- und Personennamen – bei zumindest stichprobenartiger Überprüfung scheinen es diese „hidden tracks“ tatsächlich ins Deutsche geschafft zu haben.
Aber zurück zur Geschichte: „The House of Leaves“, in der deutschen Titelversion nur „Das Haus“, ist ein Text über einen Text über einen Text. Eine Matrjoschka-Puppe unter den Romanen. Im Zentrum steht ein fiktiver Dokumentarfilm „The Navidson Record“, in dem ein Fotograf, Will Navidson, die seltsamen Veränderungen im Inneren seines Hauses auf Film und Video festhält. Nach einem Urlaub haben seine Frau und er eine völlig neue, ihnen unbekannte Tapetentür an der Schlafzimmerwand vorgefunden.
Sie führt in einen langen, graufeuchten Tunnel, den Navidson eines Nachts gegen den Willen seiner besorgten Frau mit Kamera und Micro erforscht: „Hier ist eine Tür. Kein Schloss. Hmmmm ... ein Zimmer, nicht sehr groß. Leer. Keine Fenster. Keine Schalter. Keine Steckdosen. Ich renne zurück in den Korridor. Raus aus dem Zimmer. Es scheint jetzt kälter zu sein. Vielleicht wird mir auch nur kälter. Hier ist schon wieder eine Tür. Nicht abgeschlossen. Schon wieder ein Zimmer. Auch ohne Fenster. Ich gehe weiter.“
Versucht man, den Umschlag als Einmerker zu verwenden, stellt man fest, dass er sich knapp nicht um die Seiten schieben lässt. Irgendwas stimmt nicht mit den Maßen. das Innen ist größer als das Außen.
Autor Danielewski weiß, wovon er schreibt, wenn er seine Hauptfigur immer wieder mit den 35- und 16-mm-Filmrollen und High-8-Kassetten hantieren, Objektive aufschrauben und Stative fixieren lässt: In der Filmpraxis kennt sich der 1966 geborene Sohn des US-polnischen Experimentalfilmers Tad Danielewski offenbar recht gut aus, wie im Übrigen auch in der Filmtheorie und der hundsgemeinen Horrorfan-Ecke. Nicht ohne Ironie nimmt Navidsons Live-Dokument Bezug auf Spuk-Mockumentaries wie „The Blairwitch Project“ (1999). Doch Danielewski packt den fiktiven Dokumentarfilm wiederum in diverse Metaschichten: Ein akademischer Aufsatz, versehen mit Fußnoten und teils authentischen, teils frei erfundenen Zitaten und Quellenangaben, der das Navidson-Projekt aus allen möglichen Ecken deutet und mit Homer, Derrida, Heidegger, Ovid und was der geisteswissenschaftliche Kanon sonst noch so hergibt, in Beziehung setzt.