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Schrei aus der Gosse
Gegen die Downtown-Eastside von Vancouver wirkt die Wiener Karlsplatz-Passage wie ein mondäner Schweizer Nobelskiort. Endfertige Cracknutten, hoffnungslose Kleinkriminelle, aber auch jede Menge schrullige Losertypen bevölkern die dunklen Hinterhöfe der kanadischen Westcoast-Metropole. Etwa dieser Junkie, der sich einen Plan seines Grätzels auf den Unterarm tätowiert, um seine Dealer besser lokalisieren zu können. Oder jener räudige Punk, der eine Million Dollar findet und selbstredend innerhalb kürzester Zeit verpulvert.
Oder die vier Asozialen, die mit einer illegalen Suffhütte den schnellen Schotter verdienen wollen und zwischen rivalisierenden Schutzgelderpressern, korrupten Cops und toten Rockern den Wert wahrer Freundschaft erkennen. Die Downtown-Eastside ist die Welt von Chris Walter. Zwanzig Jahre lang lebte der 48-Jährige als Koks- und Heroin-Junkie mitten im Dreck des Großstadtdschungels. Zwanzig kranke Jahre voll unglaublicher Storys aus der vollgekotzten Gosse: „Ich bin clean geworden, weil das Schreiben die verrückten Gedanken aus meinem Kopf verdrängt hat.“
„Beer“ hieß das Debüt, das 1999 als Copyshop-Spiralbindung im Eigenverlag erschienen ist: „Ein unglaublich befriedigendes Gefühl, mein erstes Buch in Händen zu halten! Seither bin ich süchtig nach diesem Kick.“ Acht Jahre und zehn Kicks später zählt Walter für die Punk-Bibel „Maximum Rock ’n’ Roll“ zu den „führenden Underground-Autoren“ Nordamerikas. Sein Verlag Gofuckyerself Press floriert und bietet mittlerweile anderen Autoren jene Chance, die er selbst nie bekommen hatte: „Ich wusste, dass niemand meine Bücher veröffentlichen würde, darum musste ich meine eigenen Strukturen aufbauen.“
Ende November erscheint Drew Gates’ „The Crooked Beat“, ein „wilder Dschungeltrip von Punk-Junkies durch Südostasien.“ „Und den Klappentext“, erzählt Chris stolz, „hat GBH-Sänger Colin Abrahall geschrieben.“ Auch die kanadische Alternative - Filmindustrie hat den schreibsüchtigen Ex-Junkie entdeckt – allerdings auch dessen Kompromisslosigkeit. Als ein Produzent die mitreißende Milieustudie „Boozecan“ leinwandgerecht entschärfen wollte, erntete er vom Autor eine harsche Abfuhr: „Für ein paar tausend Dollar lasse ich mir doch nicht das ruinieren, was ich so sehr liebe. Es wäre mein erster Film gewesen, und auf den will ich stolz sein können. Es werden andere Produzenten kommen – und wenn nicht, ist es auch egal.“
Zwölf Stunden täglich sitzt der zweifache Vater am Laptop und kratzt sich den Horror der Drogenjahre von der Seele. Besonders beeindruckend gelang ihm das in der autobiografischen Trilogie „Mosquitoes & Whisky“, „I Was a Punk before You Were a Punk“ (das 2008 als erster Walter-Roman auf Deutsch erscheinen soll) und „I’m on the Guest List“: „Die Bücher helfen mir, ein paar Dinge in meinem Hirn zu ordnen. Die wichtigste Erkenntnis ist: Ich bin nicht süchtig geworden, weil meine Kindheit so beschissen gewesen wäre. Sondern weil mir langweilig war. Anfangs ist es lustig, aber irgendwann realisierst du, dass du richtig in der Scheiße steckst. Du bist süchtig, alles wird egal. Und dann nimmst du einfach noch mehr Drogen.“
Walters stilistisch zwischen John Steinbeck, Charles Bukowski und Irvine Welsh angesiedelten Romane und die im Sommer erschienene Kurzgeschichten-Sammlung „Shouts from the Gutter“ sind aber weder selbstmitleidige Bekenntnisse noch heilsversprechende Psycho-Ratgeber. „Das Wichtigste ist mir, realistisch zu bleiben. Darum kann und will ich meinen Lesern auch kein Happy End versprechen. Aber ich kann ihnen zumindest Unterhaltung und einen Schimmer Hoffnung anbieten. Denn wenn ich es geschafft habe, meine Sucht zu besiegen, können andere ihre Probleme ebenfalls lösen. Oder es zumindest versuchen.“