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Der Mord an Bambis Mutter
Es wäre wohl vermessen zu erwarten, dass Politiker ihre Ghostwriter selbst angesichts einer profilierten Veranstaltung wie dem Donaufestival etwas anderes als keimfreie Wortspenden absondern lassen. Man mag milde lächeln, wenn Landeshauptmann Pröll und die niederösterreichische Landesrätin Bohuslav im Programmheft des Donaufestivals eine Einladung „zu einem Aufenthalt in der Region Krems, die auch außerhalb des Festivals einiges zu bieten hat“ aussprechen. Ernster zu nehmen ist das Bekenntnis zum „Weg abseits des Quotendrucks“, dessen subventionstechnische Auswirkungen das Donaufestival in dieser Form hoffentlich noch lange ermöglichen.
Tomas Zierhofer-Kin, der künstlerische Leiter, fährt andere Kaliber auf. In seinem Geleitwort geht er mit Statements wie „ohne jeden Anspruch auf die kitschige Utopie der Veränderung“ in die kulturarbeiterischen Vollen. Er spricht vom Mord an Bambis Mutter im gleichnamigem Disney-Film als Keim der Pop-Gegenkultur. Auch hier mag man schmunzeln, doch: Sehen Sie sich den Film mit eigenen oder ausgeborgten Kindern an – so viel Entrüstung und Erschütterung erleben Sie selten! Aber lassen wir die Zeichentricktiere im Filmwald, Tatsache ist, dass Zierhofer-Kin und Team es geschafft haben, das Donaufestival in den Jahren 2005 und 2006 so zu gestalten, dass das heurige im Vorfeld von einem gewissen Erwartungsdruck begleitet worden ist.
Dabei ist es als dezidiert inhaltlich programmiertes Festival dieser Größenordnung mit hoher Popkulturdurchwirkung (nicht nur) in Österreich allein auf weiter Flur, eine seltene Alternative zu rein marktwirtschaftlich ausgerichteten Großevents, die den Kids geben, was sie zu wollen glauben. Reduziert sich der angesprochene Erwartungsdruck bei bekennenden Musiktrotteln auf „Wer spielt?“, zeigen die heuer gebuchten Antworten Wege aus solcher Monokultur. Das beginnt bei David Tibet – ihn als „Musiker“ zu definieren greift viel zu kurz – und hört bei Throbbing Gristle noch lange nicht auf. Die arbeiten von jeher über die Grenzen von Musik und (Performance-)Kunst hinweg.
Ein Stakkato musikalischer Highlights: Das Projekt „Schnee & Sand“ setzt das klangforschende Duo Christof Kurzmann und Burkhard Stangl (Schnee) in Beziehung zu den definitionsresistenten britischen Innovatoren Sand. Und auch die überlebensgroßen japanischen Monsters of Noiserock Zeni Geva versprechen mit ihrem Auftritt in der Minoritenkirche ein Vergnügen spezieller Art.
Aber schon der Eröffnungsabend bietet Sensationelles: Die Albumpräsentation von Fennesz gibt einem der wichtigsten heimischen Musiker überhaupt Raum. Überdies unterbricht die süddeutsche Ausnahmeband The Notwist die Arbeit am Nachfolgealbum zu ihrem Meilenstein „Neon Golden“ (2002), um von Weilheim zu einem exklusiven Konzert nach Krems aufzubrechen. Von wegen „Utopie“: The Notwist sind exemplarisch dafür, wie man in einem Musikmarkt, der von Marketing- und Medienlogiken so dominiert ist wie der deutsche, auf seiner eigenen Musik und deren Prioritäten beharren kann. Eine Lesart der The-Notwist-Geschichte korrespondiert mit dem Festivalstandort Krems: Provinz als Chance.
Bei solch hochkarätiger Programmierung verstehen sich Änderungen im Line-up fast von selbst: So bereichern Sunn O))) statt Marc Almond das „David Tibet Project“, Throbbing Gristle wiederum erhalten von Alec Empire und T.Raumschmiere Besuch, wahlverwandte Überzeugungstäter in Sachen radikaler Sounds.
Tomas Zierhofer-Kin: „Ich glaube, es verhält sich wie bei jedem Festival. Namen bringen Frequenz, das haben wir im letzten Jahr gesehen. Es geht also nur darum, wie wir unsere freundlichen Fallen stellen, damit uns auch Menschen, die primär wegen des Pop-appeals kommen, in die experimentellen Netze gehen. Das hat in vielen Fällen, wie bei der Hotel-Produktion „Room Service – Help Me Make It through the Night“ von Gob Squad perfekt funktioniert. Über 700 Menschen haben die zwei langen Nächte im letzten Jahr besucht, Mogwai haben spontan mitgespielt …“
Dieses Statement unterstreicht, dass 2007 von Veranstalterseite fortgesetzt großes Augenmerk auf die Performance-Aspekte des Donaufestivals gelegt wird.