|
|
||
Punk: No one is innocent: Die schöpferische Kraft der Verneinung
Reisen bildet. In einem Bahnmagazin findet sich eine Story über Rocko Schamoni, in der er Punk zu einer wesentlichen Strömung der jüngeren Kunstgeschichte erklärt. Eine Anschauung, der sich Thomas Mießgang beim Interview wohl nicht verschlossen hätte. Als ich zum Gespräch erscheine ist er zwischen Tür und Angel noch damit beschäftigt eine Wahl zwischen zwei Sujets für das Plakat zur Ausstellung zu treffen.
Zur Auswahl stehen Bilder von Sue Catwoman, ein Punk-Role-Model aus dem Londoner Bromley Contingent, der kreativen Keimzelle um die Sex Pistols, und von Lydia Lunch, der wenigstens ebenso einflussreichen feministischen Musik / Kunst / Performance - Ikone aus New York, die in einer Tradition von „Punk“ als genreübergreifendem, ständig mutierendem kulturellen Virus steht.
Um die Ausstellung möglich zu machen, taten gestalterische Entscheidungen Not. „Punk. No One Is Innocent“ konzentriert den Blick auf die drei Städte und kulturellen Zentren Berlin, London und New York. Darauf, was das Vorzeichen Punk mit seinem Gestus der konstanten Negation und Provokation, was der im befreienden Slogan von „No Future“ mündende Geist des Abrechnens mit der Vergangenheit, der verachteten, öden Gegenwart und der sich abzeichnenden, zweifelhaften Zukunft in diesen Städten künstlerisch ausgelöst und hervorgebracht hat. Was für eine Kraft diese kulturelle Stunde null entfaltet, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede das Phänomen in diesen drei Städten gezeitigt hat.
Mießgang steckt den zeitlichen Rahmen der Ausstellung von 1974 (Lynda Benglis’ Centerfold mit im Proto-Punk-Style sexualisiertem Motiv im Kunst-Zentralorgan Artforum skandalisierte die Kunst-Gemeinde) bis 1982. Das eher zufällige Verfehlen des Punk-Jubiläumsjahres 2007 kommt ihm nicht ungelegen. Passt auch zu Wien und Österreich, wo popkulturelle Phänomene gern zeitlich verzögert wahrgenommen werden. So fällt die Ausstellung in das Jahr, in dem die Sex Pistols zum ersten
Mal in Österreich spielen und Punk-Messias / Antichrist John Lydon alias Johnny Rotten hierzulande zum ersten Mal seit 1986, als auf der Donauinsel beim P.I.L.-Gig eine Doppler-flasche auf die Bühne flog, öffentlich auftritt.
Die Pistols ohne die Mode der Vivienne Westwood? Ohne die Bilder / Grafiken des Jamie Reid?
Mießgang, Jahrgang 1955, lange Kulturjournalist und seit 2000 Kurator an der Kunsthalle Wien stellt diese Ausstellung in einen Zusammenhang mit „Go Johnny Go! Die E-Gitarre – Kunst und Mythos“ (2003/4) und „Summer of Love. Psychedelische Kunst der 60er Jahre“ (2006). „Eine Art Triptychon“, wobei sich Punk, im Pressetext ist vom „Winter of Hate“ zu lesen, als Antithese zu den Hippies anbietet. Die Musik – „natürlich höre ich lieber This Heat oder Gang of Four als Sham 69“ (Mießgang) – spielt eine untergeordnete Rolle, wobei sie natürlich in der Kunsthalle zu hören sein wird. Aber wenn Thomas Mießgang über die Ausstellung spricht, dann ist das nicht nur voller Infos und Perspektiven zur „Gegenerzählung des Punk“, dessen „vitaler Widerspruchsenergie“ und anregend wie eine überbordende 77er-Punk-Single, es macht auch gewärtig, wie durchdrungen und ineinander verwoben die unterschiedlichsten Ausdrucksmittel der ursprünglichen Punk-Zeit waren. Wie sehr sie bis heute nachhallen. Die Pistols ohne die Mode der Vivienne Westwood? Ohne die Bilder/Grafiken des Jamie Reid?
Es gibt Arbeiten von Arturo Vega zu sehen, von dem das Ramones-Logo stammt, längst ins „Bilderreservoir des 20. Jahrhunderts“ eingegangen. Von Alan Vega, Sänger der Elektro-Punx Suicide. Kein Wunder, dass Martin Kippenberger mit der Geschichte des legendären SO 36 zu tun hatte, wo die neue Musik in der Mauerstadt ihren Auf- und Ausbruch erlebte. Auch im Bewusstsein dessen, dass die Ausstellung fast notgedrungen „Nostalgie“ erzeugt – „wir haben schon die erste Ausgabe des Fanzines Sniffin Glue aus der Sammlung von Jon Savage (der einen Text zum Katalog beisteuert, Anm.) in einer Vitrine“ –, kann es kein Fehler sein, mit bildender Kunst, Filmen (etwa von Richard Kern), Flyern und Foto-Dokumentationen den Geist einer Zeit deutlich spürbar zu machen, in der Kunst und Musik leidenschaftlich und gemeinsam gegen den künstlerischen und gesellschaftlichen Status quo kreativ Amok gelaufen sind.