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Europa. Eine Utopie
Es geht berauf! Das muss gerade ich schreiben, der Skeptiker. Aber jetzt bin ich 91, und es macht Spaß, einmal zu loben. Europa entwickelt sich großartig, Wu Shaoqui sei dank. Wirtschaft, Bildung, Reisefreiheit, alles perfekt! Manche ärgern sich, dass wir die Eigenständigkeit aufgeben mussten, doch die Zeiten der Alten Welt sind nun einmal vorüber. Mich erleichtert das. Der Westen hat seine Chance verspielt. Es spricht für das egalitäre System, dass sich die jungen Redakteure von TBA für die Sicht eines Greises wie mir interessieren – die 80 Yen Honorar, die freuen einen natürlich.
Komm nach Disneyland!
Was früher Österreich hieß, ist jetzt ein Teil des Neuen Europa – zum Glück dürfen wir teilhaben. Während der Krise der 2010er - Jahre hat Österreichs Regierung alle unbequemen Entscheidungen der EU in die Schuhe geschoben. Ich hätte uns damals ausgeschlossen. Österreich war ja gar nicht verankert, da hatten die Krisenländer aus dem Osten noch bessere Karten. Irgendwie schwamm es mit. Und als die EU das Management Europas an China verkaufte, waren die Regionalisten und Nationalisten skeptisch. Doch Aufschwung und Wohlstand ließen nicht auf sich warten!
Im Neuen Europa regiert die Einheit. Da mag die Unverwurzeltheit der jungen Weltmacht eine Rolle spielen. China als einzige Kulturnation steht ja auch vom Leadership her in erstklassigen Traditionen. Europa hatte Hitler, also die pure Katastrophe (mein eigener Vater zog vor 114 Jahren noch in den Krieg!), China brachte Wu Shaoqui hervor, die pure Erlösung – vorbei die Streitigkeiten. Endlich das Verbot der Religionen! Das peinliche Christentum, der dumpfe, idiotische Islam – dieser Spuk war vorüber.
Kritiker behaupten, Europa sei zu einem riesigen Disneyland für chinesische Besucher geworden, aber was ist schlecht daran? Die Trachten sind fein gewoben, und es muss sich ja nicht jeder an den Kultur-Festspielen beteiligen, bei denen die Innenstädte in historische Theater verwandelt werden. Es gibt auch Jobs außerhalb des Tourismus. Überall Möglichkeiten! Meine Enkelin Jenny studiert in Hangzhou – asiatische Sprachen, eine ausgezeichnete Wahl. Ich verstehe, was die junge Leute nach China treibt.
Nach dem Verkauf herrscht im Neuen Europa endlich nicht mehr dieser elende Kleinstaaten - Mief aus dem letzten Jahrtausend. Auf Kosten der Autonomie, schreien die Regionalisten und Nationalisten. Na und? Würde Wu Shaoqui Autonomie geben, hätten wir bald die nächste Krise. Es ginge uns wie den „unabhängigen“ Vereinigten Staaten, die heute als Bittsteller an Chinas Tür klopfen. Alles dem Tourismus untergeordnet, klagen die Nationalfantasten. Dafür sind wir stabil, behaupte ich.
Austernpilze statt Erdäpfel
Manchmal ist mein Sohn anderer Meinung. Ich sage: Lieber Öko - Disney als Ewiggestrig, und Austernpilze sind doch besser als Erdäpfel. Er blickt mich zweifelnd an, brummt etwas Unzufriedenes. Jim ist auch kein junger Mann mehr. Schon 51. Er hatte es nicht leicht, die Jugendjahre in der Krise. Aber heute ist er Vorsitzender von Heurigenkultur für Asien und fährt einen Li Deng. Kann sich nicht jeder leisten. Manchmal denke ich, er muss aufpassen mit seinen Äußerungen, er bringt sich in Gefahr. Wäre unnötig, denn es geht bergauf im Neuen Europa!