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"Das bin ich"
Damit wären wir ja bei "Wohin mit dem Hass?". Da stellst du dich zunächst als Projektionsfläche für den Hass zur Verfügung, um am Schluss die "Angreifer" mit ihrem Hass alleine zu lassen.
Ja, das tu ich. Ich frage mich selbst: Wohin damit, mit dem, was in der Luft liegt, das ich selbst auch spüre und kenne? Ich frage mich, wo das herkommt, wohin das führt, welche Art Umgang ich damit wähle und stelle mich dann zur Verfügung, in den Dienst, habe kein Problem damit, zu versuchen, das in etwas anderes zu verwandeln, in etwas weniger Zerstörerisches, in etwas Schönes. Hass selbst kann ja auch etwas Schönes sein, in seiner Intensität, aber es ist eben etwas Zerstörerisches, etwas, das sich nach innen frisst. (überlegt) Entschuldigung, das muss ich zurücknehmen: Hass ist nichts Schönes.
In dem Song gibt es auch die Textzeile "Kennst du die Reichen und Mächtigen, lass ihre Wagen brennen." Beim Recherchieren habe ich von Gerüchten gelesen, dass das Album deswegen auf dem Index landen könnte. Hast du davon auch gehört?
Nein, davon habe ich nichts gehört.
Wenn dem so sein sollte, wie wäre das für dich?
Das wäre ärgerlich. (lacht) Ich möchte natürlich, dass das Album von den Leuten gehört wird. Ich könnte das nicht nachvollziehen, weil ich das nicht als Aufruf verstehe. Ich untersuche in dem Song, inwieweit so etwas zur Bewältigung oder zum Umgang mit diesen Gefühlen taugt. Nach meiner Auffassung mache ich in dem Song klar, dass das kein Mittel ist, mit dem man dieses Hassgefühl überwinden könnte. Sondern es wuchert und wächst weiter. Das heißt nicht, dass dieser Ausdruck von Gewalt nicht zumindest ein historisch probates oder geläufiges Mittel zum Ausdruck von Empörung und Kritik oder zur Wahrung und zum Aufmerksam-Machen auf andere Interessen wäre. Das gibt es ja nicht erst seit gestern, selbst zu Zeiten als es keine Autos waren. Aber ich heiße das nicht gut, ich sage nicht: Zündet die Autos an, ich sage: Lasst sie brennen.
Die Gangart der Musik bei Songs wie "Womit mit dem Hass?", "Er", "Hinter der Musik" oder "Hiob" ist wieder etwas heftiger, um nicht zu sagen heavier geworden als zuletzt bei Blumfeld. Ist da die Lust am Lärm zurückgekehrt?
Klar. Das hat für mich mit zwei Stücken angefangen, mit "Wohin mit dem Hass?" und einem Lied namens "Einfach so", das jetzt nicht auf dem Album ist, aber sehr wichtig für das Album war. Mir ging es speziell bei "Einfach so" und auslaufend in die anderen etwas härteren Stücke um primitive Musik für primitive Verhältnisse, um "Rock for Rock", um ein Weiterspielen einer schamanistischen Vorstellung von Rock, die so nicht mehr gespielt wird.
Meinst du mit "schamanistischem Rock" so etwas wie Katharsis?
Katharsis, weiß ich nicht, schon schamanistisch, im Sinne von Trance, Indianer-Tänze, Derwische.
Was die herrschenden Verhältnisse betrifft, fällt bei einigen alten Blumfeld - Stücken auf, dass du fast schon prophetisch an die Sache herangegangen bist. Siehst du das auch so, dass die Songs von der aktuellen Entwicklung quasi eingeholt werden?
Das kommt jetzt auf die Stücke an, ich würde das aber auch sagen. Zum Beispiel "In der Wirklichkeit" (aus dem Album "Jenseits von Jedem", 2001, Anm.): Zu dem Zeitpunkt waren bestimmte Sachen schon abzusehen, es lag in der Luft. Der Zusammenhang von einstürzenden Luftschlössern und zerplatzenden Spekulationsblasen wird ja schon in diesem Song angedeutet. Wobei
das Ausmaß dieser Traumatisierung durch diesen hasserfüllten, mörderischen Terrorakt am 11. September in diesem Sinne nicht abzusehen war.