|
|
||
|
|
|
WERBUNG Online-Games |
Auf die Tiefe kommt es an
Dank der Wiener Linien schaffe ich es gerade noch, vom Laufen außer Atem, meinen morgendlichen Flieger nach Zürich zu erreichen. Nachdem ich meinen Rachefantasien gegenüber diversen Verantwortungsträgern jenes Betriebes, der alles tut, um den öffentlichen Verkehr in Wien zum Abenteuer und Ärgernis zu machen, freien Lauf gelassen habe, hat die Linienmaschine längst Flughöhe erreicht und mein Denkapparat kann sich nun dem zuwenden, was in der Schweiz auf mich wartet: das neue Muse - Album hören und dann die Band interviewen.
"Wir wollen die Grenzen von Pop und Rock verschieben und gehen dabei für das Genre manchmal zu weit. Gleichzeitig sind wir verglichen mit klassischer Musik sehr simpel."
Muse? Mir fällt ein Song ein, "Plug In Baby", den ich mit der 1994 gegründeten englischen Band assoziiere. Ich erinnere mich an die 2000er - Popkomm in Köln, als ich völlig geplättet vom Geschehen des Tages und der langsam verendenden Nacht noch durch die TV - Kanäle zappe und bei einem Live - Mitschnitt vom Bizarre - Festival hängenbleibe. Auf der Bühne: Muse. Der Sound: seltsam prätentiös, überkandidelt, aber auch, selbst im Landeanflug auf einen saftigen Hangover, ein Hinhorcher. Die Energie, die Entschlossenheit dieses Trios schien fast den Bildschirm zu sprengen. Jahre später habe ich die Band dann tatsächlich live erlebt: Bei den Aufbauarbeiten trieb ihr Lightning Director – wie aus dem Film "A Clockwork Orange" entsprungen, inklusive Make - up – die Stagehands
erbarmungslos an, diverse riesige Scheinwerfer auf die Bühne zu wuchten. Wozu? Um eine perfekte, aber irgendwie auch seelenlose Show in ein zu-
gegeben eindrucksvolles Licht zu tauchen.
Der Austragungsort der Listening Session und der Interviews kann sich sehen lassen. Vorbei am ehemaligen Sitz der FIFA und an Tina Turners schmuckem Häuschen bringt mich ein Taxi ins Dolder Grand. Ein Hotel, bei dem man das Geld, das in ihm steckt und sich in ihm bewegt, in der Luft zu spüren vermeint. In dem man sich als Mensch mit Kontobrand freundlich geduldet fühlt – für die paar Stunden, die man hier zu tun hat. Muse - Sänger, Gitarrist und Mastermind Matthew Bellamy scheint die Ironie nicht zu entgehen, an so einem prunkvollen Ort Hof für einige wenige Journalisten zu halten, um über ein Album zu sprechen, das den Titel "The Resistance" trägt und mit einem Song namens "Uprising" (gleichzeitig die erste Single) eröffnet. Der Release-Termin des Albums, der 11. September, wiederum ist Sache der Plattenfirma, obwohl sich argumentieren ließe, dass vieles, was nach Widerstand verlangt, mit diesem Datum seinen Ausgang genommen hat.