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Die Ingenieure des Stumpfen
"Liebe ist für alle da." Das ist ein schöner Satz. Plakatiert als der Titel eines neuen
Albums von Rammstein, des sechsten seit Gru?ndung der Band 1994, macht er sich nicht schlecht im von Werbesignalen zugemüllten Wiener Stadtbild. Die markige Optik und die Grafik, ein eckig stilisiertes Herz, auch als Bombe zu sehen, erregen Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit zu erregen, ist eines der größten Talente dieser Gruppe, die in Berlin von sechs Musikern, von denen manche zuvor
in DDR - Bands wie Feeling B gespielt haben, ins Leben gerufen wurde. Mit einem zweiten M, der Assoziation zum Wort "rammen" wegen, bezieht sich der Name auf die Katastrophe bei einer Flugshow im deutschen Ramstein, bei der im Jahr 1988 72 Menschen ums Leben gekommen sind. Tatsächlich ist der um "neue deutsche Härte" bemühte Musikerverband anfangs unter dem Namen Rammstein - Flugschau aufgetreten. Vor Plakativem schreckt diese Band jedenfalls nicht zurück, wie sie überhaupt wenig bis keinen Genierer kennt. Das zieht sich durch ihre Diskografie, von "Herzeleid" (1995), über "Sehnsucht" (1997) mit dem kontrovers diskutierten "Bück dich" und Gottfried - Helnwein - Fotografien bis hin zu "Reise, Reise" (2004) mit dem Kanibalismus - Song "Mein Teil". Ihre Liveshows sind opulente Angelegenheiten, dokumentiert auf der DVD "Völkerball", technisch so aufwändig,
dass die Erfüllung der Ansprüche mitunter zum veranstalterischen Grenzgang wird, auch wenn ihre Konzerte heute binnen Stunden ausverkauft sind.
Die extremen Rormen der Liebe.
Das Cover des neuen Rammstein - Werks ziert ein Gruppenbild mit nackter – bewusstloser oder gar toter – Dame, Sänger Till Lindemann werkt mit einem Fleischerbeil, zwei Rammstein - Mannen nähern sich der Hingestreckten von vorne, nesteln an ihren Hosenställen.Es gehe bei ihren elf neuen Liedern um die "extremen Formen der Liebe", gibt die Band jenen Medien zu Protokoll, die willens sind, einen vor Interviews von ihrem Managment augeschickten Vertrag über die nachträgliche Freigabe sämtlicher Zitate zu unterschreiben. Der monströse Fritzl und der Horrorkeller von Amstetten finden sich in einem recht harmlosen Liedchen namens "Wiener Blut" wieder – das ist als Titel einfach schmissiger und assoziativer als "Amstettner Blut": "Und bist du manchmal auch allein / Ich pflanze dir ein Schwesterlein / Die Haut so jung, das Fleisch so fest / Unter dem Haus ein Liebesnest." Rammstein schaffen das Kunststück, die ohnehin widerliche und verlogene mediale Rezeption des Falls an Oberflächlichkeitshaftung noch zu toppen. Das Lied dazu hebt an wie ein Hörspiel zur weiteren Irritation verhaltensgestörter Kinder. Die magere inhaltliche Sensation soll es sein, sich in das Monster
hineinzuversetzen, das auf seine Art ohnehin nur lieben wolle. Dazu lassen Richard Z. Kruspe (Gitarre), Paul Landers (Gitarre), Christian Lorenz (Keyboards), Oliver Riedel (Bass) und Christoph "Doom" Schneider (Schlagzeug)
den Zauber der Montur wirken: Streicher (wie sich "Liebe ist für alle da" überhaupt immer wieder des repräsentativen Klangkörpers des Orchesters bedient), ein schwachsinniges Heavy - Riff, Schlagzeugdonner und Lindemanns
laienschauspielernde "der Rolle" entsprechende Sing - /Sprech - /Schreistimme. Genau, Rammstein klingen rasch wie ihre eigene Parodie. Dabei bleiben sie aber immer überraschend souverän dem eigentlichen Kern ihrer "Kunst"
treu: das Billige teuer zu verkaufen. Doch es kommt noch besser: mit "Pussy", der Single, die mit ihrem "Porno" - Video den Boden für das Album bereitet hat.