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Mehr als das große Ganze
Euer Debüt ist immer wieder mit Paul Simon verglichen worden.
Habt ihr das nachvollziehen können?
Ein bisschen schon. Sein "Graceland" ist ein tolles Album. Immerhin haben diese Vergleiche sein Interesse geweckt, sodass er bei den Proben von "Saturday Night Live" vorbeigeschaut hat, als wir dort zu Gast gewesen sind. Wir haben ihn auch gefragt, ob er findet, dass unser Album wie "Graceland" klingt. Doch er hat Nein gesagt – da seien Elemente von Punk in unserem Sound, die es bei ihm nicht gegeben habe, weil Punk erst nach seiner Zeit passiert ist.
Euer neues Album heißt "Contra". Als eine Band, die von Weltmusik beeinflusst ist, habt ihr wohl nicht zufällig einen Titel gewählt, den man auf dem ganzen Erdball versteht, oder?
Genau, das ist wie Esperanto ... Mir hat einerseits die grundlegende
Bedeutung des Wortes gefallen, also "dagegen", weil das auch das Thema der Platte ist. Sie setzt sich mit den Konflikten auseinander, die wir als Band mit uns herumtragen. Und "Against" würde als Titel einfach nicht so funky klingen. Andererseits hat "Contra" noch andere Bedeutungen und weckt viele Assoziationen. In Amerika hat es in den 80ern ein Videospiel gleichen Namens gegeben. Das ist 1986, direkt nach der Iran - Contra - Affäre, auf den Markt gekommen. Es ist fast schon bizarr, wenn man bedenkt, wie unterschiedlich die Bedeutung des Worts für unsere Eltern, die es wohl eher mit diesem Konflikt in Verbindung bringen, und für unsere Generation ist.
Im Deutschen ist das Wort "Contra" eher negativ besetzt.
Klar, wenn man jemanden als "Contra" bezeichnet, beinhaltet das auch immer etwas Negatives, heißt es doch, dass derjenige das Gegenteil von dir ist. Er kämpft gegen die Ziele, für die du kämpfst. Ich finde es wichtig, sich damit auseinanderzusetzen. Auf so viele Arten errichten wir Mauern zwischen uns und anderen. Wir tragen lieber diese Illusion eines Gegensatzes mit uns herum als zu realisieren, dass es doch viel mehr Dinge gibt, die die Menschen verbinden als sie trennen. Wir sollten mit diesem Schubladendenken endlich aufhören.
Wobei ein bisschen Protest auch wichtig ist.
Besonders in den USA. Ich erinnere mich noch an George Bush senior,
an Clinton und den nächsten George Bush. Und natürlich habe ich Barack Obama gewählt. Aber seine Wahl ist nur im ersten Moment ein Erfolg. Zur gleichen Zeit merkst du nämlich, dass ein Zweiparteiensystem einen Zyklus schafft. Mit einem demokratischen Präsidenten werden die Republikaner jetzt wieder stärker, weil der rechte Flügel mehr Grund hat sich aufzuregen. Dieses binäre System funktioniert einfach nicht. Das ist mit Israel und Palästina genauso. Du hast die Wahl zwischen zwei extremen Positionen. Doch die meisten, die ich kenne, auch Israeli, würden eine nuancierte Lösung, irgendwo dazwischen, bevorzugen.
Würdest du sagen, dass auch auf eurer neuen Platte ein gewisses Protest-Element enthalten ist?
Auf alle Fälle. Wir hatten immer das Gefühl, dass ein politischer Aspekt in unserer Musik steckt. Manchen wird es schwer fallen, das zu glauben, weil es nicht offensichtlich ist. Ich finde, ein Song, der zu politisch ist, verliert an Emotionen und Bedeutung. Und abgedroschene Statements hat man schließlich schon oft genug gehört. Das hilft ja niemandem. Allein schon weil unsere Songs von echten Gefühlen und persönlichen Beziehungen handeln, sind sie politisch. Darüber nachzudenken, wie du selbst bist, wie deine Beziehungen zu anderen Menschen aussehen und wie du andere Leute behandelst, ist für mich ein politischer Akt. Man kann sich nicht guten Gewissens als politisch bezeichnen, wenn man nur das große Ganze sieht und sich nicht mit den alltäglichen Beziehungen in seinem Leben auseinandersetzt. Stell dir einen Politiker vor, der sich gegenüber seiner Sekretärin wie ein Arschloch verhält. Inwieweit kann man so jemandem vertrauen?
Es ist beeindruckend, dass ihr euch als Band solche Gedanken macht.
Gerade auf dieser Platte tun wir das, ja. Aber ich bin mir auch bewusst, dass ich in einer Band bin und dass das, was wir tun vor allem eine Form von Entertainment ist. Bevor das mit Vampire Weekend begonnen hat, bin ich als Lehrer tätig gewesen. Ich habe also eine Entscheidung getroffen: Erst habe ich unterprivilegierten Kids auf sehr offensichtliche Weise geholfen, als Lehrer in einer öffentlichen Schule in New York. Und jetzt bin ich in einer Band und helfe wohl durch Unterhaltung. Das sind Dinge, die ich mit mir herumtrage. In vielen Songs geht es also um den Konflikt unterschiedlicher Gefühle, irgendwie dazwischen zu stehen, sich manchmal schuldig zu fühlen.
Bezieht sich das nur auf die Tatsache, dass du etwas von gesellschaftlichem Wert für die Musik an den Nagel gehängt hast?
Nicht nur. Ich stamme aus der amerikanischen Mittelklasse. Ich bin als Sohn liberaler, kunstaffiner Eltern aufgewachsen. Ich bin auf eine gute Highschool gegangen, auf der keine Metalldetektoren nötig gewesen sind. Wir haben zwar nicht das Geld gehabt, um mit der Familie die Welt zu bereisen, aber es ist mir wirklich gut gegangen. Ich hab auch schon Songs geschrieben, die mit dem Finger auf all die reichen Leute zeigen, die mehr haben als ich, doch zur gleichen Zeit bin ich privilegierter als die meisten Menschen in den USA. Das bringt mich zum Nachdenken: Was soll ich von mir selbst halten? Was von anderen Menschen? Ich möchte da aber weder auf der einen noch auf der anderen Seite negative Gefühle schüren. In dieser Hinsicht haben wir, so glaube ich, auf unserer neuen Platte bessere Arbeit geleistet. Aber natürlich werden Songtexte immer ganz unterschiedlich interpretiert ...
Deine berühmteste Zeile bislang ist wohl: "But this feels so unnatural / Peter Gabriel, too" aus dem Song "Cape Cod Kwassa Kwassa".
Ich mag diese Zeile, aber ich bin Musiker und nehme jede Kritik ernst. Den Song haben viele dahingehend interpretiert, dass er einen gehobenen Lifestyle zelebrieren würde. Denn Cape Cod ist ein bekannter Urlaubsort und das Mädchen, um das es in dem Song geht, gehört zu den privilegierteren Menschen auf diesem Planeten. Die Zeile mit Peter Gabriel ist aber eher hinterfragend gemeint. Es ist ein spaßiger Song, der davon handelt, jung und verliebt zu sein. Aber bei alldem ist immer dieser Beigeschmack mit dabei, dass das nicht echt ist. Für mich verbirgt sich hinter den lustigsten Momenten auch immer das traurige Gefühl, dass diese Zeit bald wieder vorüber sein wird. Das ist wieder dieses Contra - Ding: Alles verläuft in Zyklen.
Hat es von Peter Gabriel mal ein Feedback zu dem Song gegeben?
Er hat mit Hot Chip sogar eine Coverversion davon aufgenommen. Man kann sich das Stück im Internet anhören. Es ist ziemlich lustig, wenn er singt: "»But this feels so unnatural / To sing your own name."
Letzte Frage: Euren Bandnamen habt ihr von einem von dir gedrehten Amateurfilm gleichen Titels übernommen. In Anbetracht des aktuellen Hypes um "Twilight": Glaubst du, der Film hätte eine Chance gehabt?
Ja, heute denke ich tatsächlich, ich bin meiner Zeit damals voraus gewesen. Auslöser dafür, dass ich den Film überhaupt gemacht habe, war "The Lost Boys" aus den 80ern. Mir hat daran besonders gefallen, dass das zwar ein Vampirfilm war, aber mit ganz normalen kalifornischen Kids – und so ist es ja auch bei "Twilight". Aber ich denke, wir profitieren ohnehin davon, dass wir uns Vampire Weekend genannt haben. So sind wir doch irgendwie auch immer wieder Teil des Vampirzyklus.