|
|
||
The Go! Team: Aus alt mach neu
Nun ist es wahrlich keine Neuigkeit, dass in der Musik oder allgemein in so ziemlich jeder Disziplin künstlerischer Produktion, gerne mal auf schon Existierendes Bezug genommen wird. Munter wird zitiert, werden Verweise gedropt und Referenzlinien gezogen. Neue Stile entstehen durch explizite Links in die Vergangenheit hin zu bereits Vorhandenem – war ja eh schon alles einmal da. Elvis Presley hat den Rock ’n’ Roll nicht erfunden und Franz Ferdinand schon gar nicht den Postpunk. Ob aus der Wiederverwertung und der Verknüpfung altbekannter Zutaten bloß schlechte Kopien entstehen oder ob dabei etwas Neues, Interessantes erwachsen kann, ist neben technischen Neuerungen und einer Reihe von Zufällen hauptsächlich von der Fähigkeit der ausführenden Künstlerinnen und Künstler abhängig, ihre Arbeitsmaterialen gekonnt und womöglich auf bislang unerhörte Weise zusammenzusetzen, sie umzudeuten und in andere Kontexte zu transferieren.
„Ich hatte diese ewig gleichen Gitarrensongs dieser ewig gleichen Gitarrenbands einfach satt.“
Ian Parton, Multi-Instrumentalist und Kopf der Band The Go! Team, sitzt in einem bis an die Decke mit Platten aus den unterschiedlichsten Sparten vollgeräumten Haus in Brighton und zeigt sich als Freund und Meister des Nebeneinanderstellens und Zusammenführens von aus verschiedenen Richtungen kommenden Klangquellen. Dabei weiß er, dass sein Ansatz keineswegs revolutionär ist: „Mein Musikgeschmack reicht von noisigem Gitarrenkram wie My Bloody Valentine oder Shellac hin zu Poppigem und Soul. Ich höre etwa immer wieder gerne auch die Jackson 5. Und natürlich Hip-Hop. Mir gefällt die Idee, diese unterschiedlichen Einflüsse zu vermischen. Ohne jetzt arrogant klingen zu wollen: Ich war der Meinung, dass das vor uns noch keiner so richtig gemacht hatte, zumindest nicht so, wie ich es gerne hören wollte. Mir ist natürlich klar, dass wir dabei nicht über die Maßen originell sind, aber mir war nach etwas anderem zumute. Ich hatte diese ewig gleichen Gitarrensongs dieser ewig gleichen Gitarrenbands einfach satt.“
Begonnen hat alles als klassische Ein-Mann-Schlafzimmer-Produktion Partons, der in seiner Freizeit mithilfe seines guten, alten Vier-Spur-Geräts zusammenschnipselte, was die massive Plattensammlung hergab. Und das war so einiges: amtlich Gas gebende, wie aus Spät-70er-Polizei-Serien der Marke „Die Straßen von San Francisco“ zusammengestohlene Bläsersätze, scheppernde, betont oldschoolige Hip-Hop-Beats, allgegenwärtige Funk-Verweise und quengelnde, der Rockmusik entlehnte Gitarren. Danach wurden im Freundes- und Bekanntenkreis Musikerinnen und Musiker rekrutiert, die ihrerseits Cheerleader-Chants, Live-Drums, Percussions, Party-Raps und allerlei klingenden Schnickschnack beitrugen, fertig war der atemlose wie entfesselte Gute-Laune-Mix. Das nahezu ohne Budget produzierte Debütalbum „Thunder, Lightning, Strike“ entwickelte sich in Folge – einmal mehr: Dem Internet sei Dank! – zu einem Liebling von Kritik und Publikum und wurde für den renommierten britischen Mercury Prize nominiert, mehrere Songs fanden in Werbespots und TV-Shows Verwendung. Vor allem live erspielte sich die Band schnell den Ruf eines vergnüglichen, gut geölten Flohzirkus.
Wesentliche Arbeitsgrundlage bildeten und bilden für das Go! Team also Samples, musikhistorisch gesehen die wohl offenherzigste Form von Recycling und Bezugnahme auf die Vergangenheit. Dennoch liegt es Parton dabei am Herzen, das Offensichtlichste zu vermeiden und ungehobene Schätze zu Tage zu fördern: „Ich versuche da schon unbekannte Dinge zu finden und nicht auf diese üblichen James-Brown- oder Funk-Samples zurückzugreifen. Oder auf Jazz, obwohl ich das alles natürlich sehr gerne höre. Viel lieber klaue ich aber bei obskuren Science-Fiction-Soundtracks aus den 60ern und 70ern oder etwa bei Soundtracks für wissenschaftliche Schulfilme, da gibt es immer wieder unerwartete, mitreißende Sekunden zu entdecken.“