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Roisin Murphy: From: Disco To: Disco
Wie könnte das klingen, wenn das Gehirn Glückshormone ausschüttet? Wie fühlt sich das an, wenn die Überwältigung einsetzt? Die Begeisterung für die Musik, die Liebe für einen anderen Menschen, für sich selbst möglicherweise? Im Titelstück zu ihrem neuen Album „Overpowered“ singt Roisin Murphy im Refrain die schönen Zeilen „As science struggles on to try to explain / Oxytocin’s flowing ever into my brain“. Sollte man es nicht ohnehin schon vorher gewusst haben, lässt sich mithilfe hinlänglich bekannter Nachschlagewerke in Erfahrung bringen, was es denn mit diesem Oxytocin auf sich hat. Es handelt sich hierbei um ein Hormon, das in der Sexualität eine gewichtige Rolle spielt, beim Geschlechtsverkehr freigesetzt wird und eine Euphorie oder Beruhigung hervorrufende Wirkung hat. Aha.
„Der Song ‚Overpowered‘ handelt von Oxytocin, das ist die Droge der Liebe“, wird Roisin Murphy später im Interview hörbar amüsiert und leicht verschwörerisch sagen, „der Stoff, den das Gehirn ausschüttet, wenn wir uns verlieben. Grundsätzlich geht es in dem Song darum, dass man dieses Gefühl nicht kontrollieren kann, und dass das natürlich auch sehr schön so ist. Oder zumindest sein kann.“ Gleichzeitig bietet der Track auf musikalischer Ebene höchst Funktionales für die Motorik: blubbernde, verzerrte Synthieflächen, eine Acid-getränkte Bassline und eine unerbittliche Snaredrum. Weltweit jauchzen die Dancefloors. Wie das zärtlich tobt, wie das mitreißt und Funken schlägt!
„Overpowered“ also, das Stück, das sich nicht grundlos so nennt wie das gesamte Album, darf – damit gleich alles klargestellt ist – die Platte dann auch eröffnen und so durchaus symptomatisch verstanden werden für die zugrunde liegende Idee, das Schaffen der Künstlerin, ihre Musik, ihren Werdegang, ihr geschicktes Wechselspiel der Identitäten: Hier wird zunächst die von uns allen am höchsten geschätzte Emotion, die Liebe, jegliche Gefühlregung gar, als rein biologischer Vorgang semiwissenschaftlich – und leicht augenzwinkernd – erklärt, um im nächsten Moment das bedingungslose Sich-fallen-Lassen im Überschwang zu fordern und das Feiern an sich zu feiern. Die Platte spinnt das allseits beliebte Verhältnis zwischen Artifiziellem und Authentischem fröhlich weiter, Roisin Murphy bewegt sich leichtfüßig zwischen den Orten. „Overpowered“ als Spiegelkabinett ohne Ausgang.
Rückblende: Roisin Murphy, geboren 1973 in einer Kleinstadt im Süden Irlands, zieht mit 17 ins englische Sheffield und trifft dort ihren späteren Partner Mark Brydon. Die Frage Murphys an Brydon, ob ihm denn ihr enger Pullover gefalle, ist Legende und wird sogleich im Titel des Debütalbums von Moloko aus dem Jahre 1995 verbraten: „Do You Like My Tight Sweater?“ nennen die beiden das gute Stück. Die Platte schlägt mit einem Knall in der Musikwelt auf – zu einer Zeit, als Trip-Hop gerade noch in seinem schauderhaften Zenit steht. Murphy und Brydon, auch privat ein Paar, rütteln massiv an den Clubdächern und bekommen zum Dank die Welt zu sehen.