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ESG: Die Mütter des Funk
Wenn die Damen von ESG mit ihrem Charisma und ihrer geballten physischen Power eine Bühne betreten, kann sich kaum jemand ihrer Wirkung entziehen. Auch deswegen, weil die fünf Musikerinnen den fragwürdigen Körpernormierungen des Systems Pop so ganz und gar nicht gerecht werden wollen und die Wucht ihrer Musik dabei genau ihrer äußeren Erscheinung entspricht. Da bleibt nur noch eines: zu tanzen! Denn ESG sind die Mütter, die Schwestern, die Töchter des Funk.
Die wunderbare Legende um die Gründung der Band kann gar nicht oft genug erzählt werden: Im wilden Süden der New Yorker Bronx, gegen Ende der 70er-Jahre, besorgte Miss Scroggins ihren vier Töchtern Schlagzeug, Bass, Gitarre und Verstärker, um sie von der Straße fernzuhalten. Renee, Valerie, Marie und Deborah brachten sich das Spielen der Instrumente selbst bei und entwickelten, angelehnt an Vorbilder wie Motown-Soul und James Brown, eine extrem reduzierte Version von Funk. Mama Scroggins’ Idee hatte Folgen.
Die Musik hielt ihre Töchter nicht nur von Drogensumpf und Kriminalität fern, sondern führte ESG über Talentwettbewerbe und Clubauf-tritte schließlich bis ins Epizentrum der New Yorker Pop-Avantgarde. Anfang der 80er herrschte dort eine sehr fruchtbare Phase der Stilpluralität, die es in vergleichbarer Form seither nicht mehr gegeben hat. HipHop ging mit Punk, Reggae mit Wave – und ESG waren mittendrin: Die Schwestern spielten Konzerte gemeinsam mit The Clash und Grandmaster Flash, sie verzückten das Publikum im Diskotempel Paradise Garage und veröffentlichten ihre erste Platte beim in Manchester ansässigen Label Factory Records.
Gerade in den letzen Jahren war dieses New York der frühen 80er-Jahre als maßgeblicher Bezugspunkt für viele Bands zwischen Rock und Dancefloor wieder ungemein präsent. Auf die Frage nach ihrer Rolle als Protagonistinnen dieser Szene und die zahlreichen Respektsbekundungen, mit denen sie heutzutage dafür überhäuft werden, hat Renee Scroggins im Interview eine ihrer typisch bescheidenen und simplen Antworten parat: „Das war wirklich eine sehr kreative Phase, vor allem was die Musik betrifft. Es fühlt sich gut an, Teil davon gewesen zu sein.“