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The Decemerists: Dehnübungen im Albumformat
Nach drei LPs bei verdienstvollen Indies fasert „The Crane Wife“, so heißt das einstündige neue Epos der Decemberists, an allen Ecken und Enden aus. Dehnübungen haben die Band ja auch zuvor schon exerziert, diese hier ist aber die erste im vollen Albumformat. Im Kern sind alle lieb gewonnenen Kennzeichen intakt geblieben, die Decemberists spielen noch immer belesene amerikanische Rustikana mit einem Faible für Folk und komplexe Songstrukturen. Neu dabei: unerwartete Twists in Richtung Progressive Rock.
Der literarische Überbau stützt sich bei „The Crane Wife“ auf eine sehr traurige japanische Erzählung und ein windiges Werk Willy Shakespeares. Mord, Totschlag, Krieg und überhöhte Liebesdramen wechseln sich in einem Song-reigen ab, hinter dem nur mit Holzhammer-Wurstigkeit ein schlüssiges Konzept gefunden werden könnte. Andere verpönte Tendenzen der dekadenten 70er-Jahre haben die Decemberists aber ins Hier und Jetzt gehievt: donnerndes Orgelsausen (hauptverantwortlich für den Prog-Touch), 10-Minuten-Nummern mit etlichen Instrumental-Breaks, nummerierte, generell lange Songs und die gute, alte Mini-Rockoper. Letztgenannte Gattung heißt als zweiter Track der Platte „The Island“, besteht aus drei Subsongs und bringt nach sieben Minuten den Punkt, an dem sich entscheidet, ob man die Platte akzeptiert oder nicht. Es ist der Moment, in dem die Orgel das erste Mal richtig gruselig losröhrt, Sänger Colin Meloy zu den höchsten Tönen reicht, die seine Singstimme hergibt, und die komplette Band sich in einen rasanten Durchlauf diverser Mucker-Klischees stürzt.
Die Decemberists spielen diese Parts im sicheren Wissen um die Hipness von bislang zur Beschreibung herangezogenen Bands wie Pink Floyd, Jethro Tull, Yes oder U2. Bei all dem Genudel bleiben sie aber im weitesten Sinne eine Folkband mit breitem Horizont, die Charakterwechsel eben nicht nur in den textlichen Erzählstrukturen, sondern auch in den instrumentalen Teilen ausformuliert. Das kann von irischer Folklore bis zu einem Klezmer-Einsprengsel oder den hiermit zum letzten Mal erwähnten Prog-Teilen reichen.