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Carl Craig: Kulturgeschichte auf dem Dancefloor
Die Zeit ist also reif für eine Zwischenbilanz – natürlich nicht in Form eines „Best of“, sondern als kleine Retrospektive auf die frühen 90er - Jahre und Carl Craigs zahlreiche Remix - Hits.
Techno wird alt. In den Clubs geht das Durchschnittsalter munter auf Mitte 30 zu, das Modell der gesichtslosen und solitären Studio - Nerds wirkt im Vergleich zu Weirdo - Folk - Kollektiven und knallbunten Elektro - Rockern ziemlich angestaubt. Und Detroit, der sagenumwobene Ursprungsort dieser Musik, zerfällt immer weiter. Aus dem ehemaligen „Hitsville“ ist längst eine Ruinenstadt geworden – was den Mythos Detroit in der Gedankenwelt mittelständischer europäischer Vinyl-Junkies natürlich nur noch stärker hat schillern lassen.
Doch heutzutage handelt die große Detroit-Techno-Verehrung, symbolisiert beispielsweise durch die immergleichen Underground - Resistance - T - Shirts, hauptsächlich von einer Sache: Nostalgie. Abseits reiner Funktionalitätsware für die Tanzflächen – Minimal lautet das Stichwort, das in Sachen Musikalität oft genug nur noch anödet – wirkt Techno, insbesondere Detroit-Techno, ganz schön Old School.
Trotzdem passiert es immer wieder, dass diese Welten in bestimmten, elektrisierenden Momenten kurzgeschlossen werden: musikalische Substanz, Tanzbarkeit, Mythos. In den letzten Jahren war für diese Momente mit Carl Craig ausgerechnet jemand zuständig, der schon auf 20 Jahre Produzententätigkeit zurückblicken kann. Bereits Ende der 80er hat er maßgeblich am Grundgerüst von Techno herumgeschraubt.
Noch als Teenager wurde er in die Geheimnisse von Sequenzern und Synthesizern eingeweiht, veröffentlichte in der Folge unter zahllosen Pseudonymen unterschiedlichste elektronische Musik und führt nach wie vor sein eigenes Label Planet E, auf dem ebenso sparsam wie erlesen veröffentlicht wird. Ganz klar: Der Mann gehört zur alten Schule. Doch zugleich ist seine Musik ungemein gegenwärtig.
Carl Craig versteht sich als Rundum-Musiker. Sein Lieblingssatz geht daher so: „Musik ist Musik.“
Wenn Carl Craig einem gegenübersitzt und anhand von Soul und Techno die Geschichte seiner Heimatstadt Detroit erklärt, verbreitet er die Aura eines umfassend gebildeten Handlungsreisenden in Sachen Kultur. So erwähnt er ganz nebenbei, bevor er sich zwischen einem ersten Schluck schwarzen Kaffee und einem letzten Blick auf sein iPhone für das Interview in einem Ledersessel zurücklehnt, dass er mit Moritz von Oswald (Basic Channel, Rhythm & Sound) gerade an einem Klassikprojekt für das traditionsreiche Label Deutsche Grammophon arbeite. Es steht außer Zweifel: Craig versteht sich als Rundum - Musiker.