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Naked Lunch: Lieder über die Liebe
Als ich auf den Klagenfurter Bahnhofsvorplatz trete, sitzt da ein Mann, offensichtlich betrunken, und schreit seinen Unmut hinaus. Ich denke an „Der Mann der mit der Luft schimpft“, ein Lied der Goldenen Zitronen. Ich denke an „Town Full of Dogs“, einen der zehn erstaunlichen Songs des neuen Naked - Lunch - Albums. Wahrscheinlich lebt er gerade dort, dieser Mann, in der Stadt voller Hunde, streift in seinem Kopf durch ihre Straßen. „Gimme hope gimme fear / Gimme love and despair / Gimme loads of your drug / And a reasonable fuck.“
„Das ist ein Empfang“, meint Oliver Welter, Sänger und Songwriter der Band, der mich netterweise mit dem Auto abholt. Die Fahrt mit der Südbahn in die Kärntner Landeshauptstadt, die ganz schön zäh sein kann, war heute anders, fast schon zu kurz. Vielleicht war es das Licht, das in diesem milden, (zu) warmen Herbst eher nach Frühling aussieht, eher einem Aufbruch als einem Rückzug leuchtet. Auch diese Orte, diese Dörfer und Kleinstädte, an denen man vorbeifährt und in denen der Zug gelegentlich hält, schienen nicht so trostlos wie sonst. Lösten nicht Gedanken aus wie: „Würde ich hier leben, würde ich öfter über Selbstmord nachdenken.“ Erstmals zieht eine Ahnung davon, wie das sein könnte hier zu leben, glücklich zu leben durch meinen Kopf. Ist das Älterwerden?
Als ich kurz vor Klagenfurt niese, kommt vom Sitz vor mir ein „Gesundheit“. Das ist mir lange nicht mehr passiert. Während der Zugfahrt lasse ich immer wieder das Album Revue passieren, wegen dem ich diesen Ausflug unternehme. Mangels Discman im Gedächtnis, die Lyrics als Erinnerungsstütze. Ein Album, mit dem ich viel anfangen kann, weil die Dinge in seinem Kern mit Dingen in meinem Leben korrespondieren.
Die Single kann ich in- und auswendig, so oft habe ich sie fassungslos vor Glück und Begeisterung gespielt, seit ich die Vorab-CD das erste Mal in Händen hielt. „Military of the Heart“: ein Wunder von einem Song, wie es nur alle paar Jahre passiert. Später erzählen mir Oliver und Herwig Zamernik, Bassist der Band (in seinem Studio, dem Fuzzroom, haben Naked Lunch „This Atom Heart of Ours“ in gut neun Monaten erarbeitet), wie Patrick Wagner, auf dessen Label Louisville Records das Album erscheinen wird, versucht hat, Journalisten vom Spex erstmals einen Eindruck von dessen Qualität zu vermitteln: „Patrick war auf dieser Musikmesse und er ist dann in der Früh mit dem Taxi zu einem Platz gefahren, auf ein Denkmal geklettert und hat ihnen ‚Military of the Heart‘ vorgesungen.“